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View Full Version : [Story] Blue Sculpture



enenra
17-10-2007, 09:53 PM
Hi erstmal,

Einleitung:
Im Sommer letzten Jahres bin ich, willensschwach wie ich bin ( :) ), wieder dem Schreib- und Ideendrang unterlegen und habe diese Story, Blue Sculpture, begonnen. Zugegeben, das damalige Konzept weicht sehr von dem mittlerweile festgelegten ab und da ich seit damals keineswegs kontinuierlich daran geschrieben habe, stellt man vieleicht auch eine Veränderung meiner Schreibweise durch die Story hindurch fest. Zwischen den Zeiten in denen ich an der Story geschrieben habe, lagen nämlich immer mehrere Monate dauernde Pausen, in denen mir die Motivation fehlte, weiterzuschreiben.
Nun, genug der Einleitungen. Kommen wir zur Form denn diese ist wohl nicht so üblich für eine Fanstory. :)

Mein Ziel war es von Anfang an, eine Story zu schreiben, die die Beschreibungen in den drei Büchern Helges mit den Tatsachen, die von den drei Spielen bekannt sind, zu verbinden. Ausserdem wollte ich mich nicht dem Drang hingeben, immer fantastischeres und neueres zu erfinden, viel mehr wollte - und will ich auch immer noch - mich auf die Gegebenheiten konzentrieren. Erklären, warum etwas so ist wie es ist und auf Dinge genauer einzugehen, die einem vorher nicht so klar waren oder gar nicht erst irgendwo erklärt wurden.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Darstellung. Ich wollte mich eher in die richtung professioneller Roman bewegen, als in die Richtung einer Fanstory in einem Forum. Daher habe ich auch viel Wert auf das Aussehen der Story gelegt: Titelbild (mehr oder weniger), Kapitelübersicht, Zitate und Zeitangaben zu beginn von Kapiteln, passende Schriftarten, eine Zusammenfassung für hinten auf das Cover etc.

Die Story:
Nun, kommen wir zum wesentlichen. Hier aber erst einmal eine kurze Zusammenfassung, orientiert an diesen, die auf den Rückseiten von Büchern stehen.
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Blue Sculpture

Ein Jazura nach der Schlacht um Omikron Lyrae sieht sich die Gemeinschaft der Planeten ständigen Angriffen der neu entdeckten Spezies der Kha’ak gegenüber. In einen Zermürbungskrieg verwickelt, fällt es den Regierungen der Völker immer schwerer die verschiedenen kriminellen Organisationen, meist einfach nur „Piraten“ genannt, unter Kontrolle zu halten.
Tomes Johnson, ein einfacher Söldner, und Chiyako Rey, eine erfahrene Diebin, gelangen in den Besitz eines geheimnisvollen Kristalls – genannt „Blaue Skulptur“ – und sehen sich plötzlich der Gnade von Geheimdienstagenten und blutrünstigen Attentätern der Yaki ausgeliefert.
Warum sind alle hinter diesem Kristall her? Was ist an ihm so besonders? Und was hat das sagenumwobene Alte Volk damit zu tun?

Zwischen den Ereignissen der Storyline von X3 – Reunion und des Romans Yoshiko angesiedelt, wird diese Geschichte aus dem Standpunkt zweier Gesetzeslosen erzählt und bietet ausserdem noch Erklärungen für Entwicklungen, die im X-Universum stattgefunden haben.
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Download im .pdf-Format (empfohlen):
Download: Blue Sculpture bis Kapitel 3 (http://upload.creshal.de/files/6/Extended%20Universe%20Wiki/Blue%20Sculpture%20bis%20Kapitel%203.pdf)

Noch einige Informationen dazu, wie ich weitere Kapitel posten werde:
Als erstes: Ich schreibe zwar schnell, aber da es häufig lange Pausen zwischen den Zeiten gibt, in denen ich schreibe wird es trotzdem langsam. Erwartet also nicht, dass ich all Woche ein neues Kapitel hochlade, nicht einmal all Monat. :!:
Ausserdem habe ich zwar schon Kapitel 4 fertiggeschrieben, ich werde aber mit immer ein Polster von 3 Kapiteln behalten. Kapitel 2 wird also hochgeladen, sobald ich Kapitel 5 fertiggeschrieben habe. ;)

Danksagungen:
Alex Vanderbilt für die Gewaltige Hilfe bei der Exekutierung unzähliger Rechtschreibe-, Grammatik-, Orthografie- und wasweissich was für alle andere Fehler die ich en masse mache, sowie für allgemeine Beratung und Vorschläge.
Mobius ebenfalls für die Hilfe bei der Fehlersuche und bei der Plotentwicklung.
Samuel Creshal auch für die Hilfe bei der Fehlersuche aller Art.
HelgeK für ein aufklärendes Gespräch/Geschreibe über den Hintergrund des X-Universums sowie für seine drei Bücher die zum Teil als Vorlage für diese Story dienten
Egosoft natürlich für die drei Spiele die mich erst dazu verleitet haben, tiefer ins X-Universum einzutauchen

Bei allen die ich vergessen habe entschuldige ich mich hiermit, bitte seid mir nicht böse - dann bekommt ihr auch einen Keks. :)

enenra
05-11-2007, 04:57 PM
Blue Sculpture
http://img443.imageshack.us/img443/1189/bluesculpturecopyqm7.jpg
by DSE




Prolog

Schon immer gab es Relikte vergangenen Zeiten. Schon immer enthielten diese entweder wertvollste Informationen oder waren vollkommen wertlos. Vereinzelt bargen sie auch so große Macht, wie sie sonst nur zu träumen gewagt wird.
Zur heutigen Zeit stammen diese meistens von vergessenen Zivilisationen, die einmal auf fernen Planeten existiert haben. Seit Kurzem geht jedoch auch das Gerücht um, dass Artefakte vom Alten Volk selber gefunden worden seien. Ob man diesen Gerüchten Glauben schenkt oder nicht – Man kann nicht bestreiten, dass diese garantiert zu den mächtigsten aller Zeit zählen werden.
Wir schreiben das Jazura 766. Die Angriffe einer mysteriösen Spezies, unter dem Namen Kha’ak bekannt, halten die Gemeinschaft der Planeten in Atem. Ein Jazura nach der Schlacht um Omikron Lyrae, die von einem nun bekannten Veteranenpiloten namens Julian Gardna in letzter Sezura entschieden wurde, ist die argonische Flotte zersprengt, dezimiert und über das große Territorium der Argonischen Föderation verteilt. Doch auch den anderen Völkern ist es nicht viel besser ergangen. Um den immer stärker werdenden Angriffen der Kha’ak besser standhalten zu können, wird nun eine neue Generation an Schiffen in Dienst gestellt. Sie sollen vor allem mehr auf Angriff fokussiert sein um die berüchtigten Massenattacken der Kha’ak besser kontern zu können. Mitten in dem Chaos erhebt sich aber schon eine neue Gefahr: Eine neue Piratenfraktion ist ans Licht getreten, die Yaki. Einflussvoll und mächtig tauchen sie plötzlich überall auf. Nicht nur zum Ärger der Völker – auch die älteren großen Piratenfraktionen, meist Familien oder Clans genannt – stehen der Entwicklung mit Misstrauen gegenüber. Die neue Fraktion bringt das mit Rissen gespickte und mit Flicken zusammengehaltene Gleichgewicht gefährlich zum Schwanken. Falls die vielen kleinen Grenzstreitigkeiten zwischen den Yaki, mit ihnen sympathisierenden Piratengruppen und den zwei großen Familien eskalieren sollten, könnte das zu einer Galaxieweiten Krise führen, denn auch wenn es dem Normalbürger verschlossen bleibt: Der Einfluss der Piratenfraktionen reicht viel weiter als nur über ihre Sektoren hinaus. Im schlimmsten Fall könnte es sogar zu Krieg unter den Völkern der Gemeinschaft führen.
Inmitten dieser besorgniserregenden Entwicklung steht der Sektor LooManckStrats Vermächtnis. „Die Hochburg des Abschaums“, „Das Nest“, „Das Auge des Sturms“ – Alles zur Zeit gängige Bezeichnungen für diesen wundersamen Sektor. Gespickt mit dunklen Asteroiden, löchrigen Minenfeldern und alten Schiffswracks, beleuchtet nur durch das grelle Licht von Triebwerken und alten Navigationsbojen da dem Sektor ein Stern fehlt. Hin und wieder ein Konvoi aus mehreren Transportern, häufig mit Begleitschutz in Form von Söldnern, belauert von Piratenschiffen. Abseits der Durchflugsroute zwischen den beiden Sprungtoren in diesem Sektor: Ein Piratenhafen– Die größte Station die je ein Pirat besessen hat. Das Zentrum aller Piratenaktivität liegt genau hier. In den Eingeweiden dieser Station gibt es nicht nur die besten Vergnügungsmöglichkeiten, größten Sklavenmärkte und stickigsten Bars, nein, hier treffen sich auch die Dons der großen Familien zu Besprechungen und Verhandlungen. Diese Station ist La Tortuga.











Kapitel 1

„Angriff mag die beste Verteidigung sein, aber du musst zugeben,
dass ein starker Schild im Schiff trotzdem beruhigt.“
Joka Glet, argonischer Pirat

T095::M02::J766

Tomes ging durch den dunklen Gang. Die wenigen runden Lampen an der Decke beleuchteten ihn nur spärlich, da sie in unregelmäßigen Abständen angeordnet waren. Immer wieder gab es zwischen ihnen Lücken von mehr als zehn teladianischen Längen, welche das dunkelgraue PDD schwarz erscheinen ließen. In größeren Abständen waren in den Wänden auch Schiebetüren eingelassen, deren Paneele langsam aufglitten, wenn jemand ein- oder austreten wollte. Tomes musste sich dann jedes Mal an die Wand drücken, damit derjenige an ihm vorbeigehen konnte. Zudem standen auch noch manchmal kleinere Frachtboxen an den Wänden gestapelt, welche dann das Durchkommen zusätzlich erschwerten. Endlich drang dann von vorne mehr Licht an Tomes’ Augen. Langsam wurde der Gang nun immer heller, bis er sich vollends mit grellem Licht füllte. Dann trat Tomes in eine große, breite Straße. Im ersten Moment glaubte er, dass er sich auf Argonia befinden würde, doch der Augenblick verging und ihm wurde wieder bewusst, dass er sich nicht in der Hauptstadt der Argonischen Föderation, sondern in einer der größten Piratenstationen im bekannten Universum befand. Im Piratenhafen von LooManckStrats Vermächtnis, meist ehrfürchtig La Tortuga genannt.
Eigentlich war es keine richtige Straße. Dafür waren die Wände nicht hoch genug, außerdem war das ganze auch überdacht. An den Seitenwänden waren viele kleine und große Schaufenster sowie Türen eingelassen, vereinzelt gab es auch einfach große Öffnungen, die in Lager führten. Die Straße war etwa 100 teladianische Längen breit, ungefähr 40 Längen hoch und scheinbar endlos lang. Das lag jedoch daran, dass die Straße einen riesigen Ring um die Horizontalachse der Station bildete. Sie war überfüllt mit Massen von Lebewesen aller Rassen. Argonen, Teladi, Split und vereinzelt sogar Paraniden und Boronen tummelten sich hier in der Hauptmeile des Piratenhafens und gingen unterschiedlichsten Tätigkeiten nach. Doch nicht nur in den Schaufenstern wurde zum Verkauf angeboten, auch überall mitten in der Straße waren Stände und auch mehrere Bühnen zu sehen, auf denen zum Teil Musiker mit ihrem Können prahlten, zum Teil aber auch Sklavenhandel betrieben wurde. Die ganze Szenerie wurde von grellen Werbeholos, die von den Läden und Ständen über die Straße projiziert wurden, und von einigermaßen regelmäßig angeordneten Lichtpaneelen beleuchtet. Die Paneele waren zum Teil an den Seitenwänden und zum Teil von den Decken hängend befestigt.
Als Tomes aus dem Seitengang auf die Hauptmeile hinaustrat, musste er unwillkürlich blinzeln und seinen Augen Zeit geben, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Anders als auf den anderen Piratenstationen ging es im Piratenhafen von LooManckStrats Vermächtnis relativ gesittet zu. Wahrscheinlich, weil dies die wichtigste Basis der Piratenclans war und bis auf Turpentine Station, Marodeur und Korsar die einzig stationäre Einrichtung. Alle anderen Piratenbasen waren mehr oder weniger mobil und auch wesentlich kleiner. So hielt man alles immer relativ sauber, sogar eine Art Sicherheitsdienst gab es. Weil der Seitengang, aus dem Tomes soeben getreten war, ein paar Längen über der normalen Ebene in die Hauptmeile eintrat, musste er erst noch ein paar Stufen auf einer Gittertreppe hinuntergehen, bis er sich auf gleicher Höhe befand. Auf der untersten Stufe überblickte Tomes noch einmal die Massen an Lebewesen vor ihm und suchte die rechte Seitenwand der Hauptmeile nach einer größeren Öffnung ab, dann schritt er auch die letzte Stufe hinab und drängte sich an einem Teladi vorbei in den Strom an Kreaturen.
Als Tomes erst einmal zwischen den ganzen Teladi, Split und Argonen war, bemerkte er schnell, dass es zwar von Außen wie ein riesiges Gedrücke aussah, man sich jedoch, wenn man drin war, relativ frei bewegen konnte. Trotzdem wurde Tomes immer wieder herumgeschubst. Von Split wie von Argonen und Teladi, denn nicht jeder schenkte einem 15 Jazuras alten Argonen gleich viel Respekt wie einem älteren, auch wenn Tomes seit drei Jazuras volljährig war. Das ärgerte ihn.
Endlich kam er an der großen Lagerhallen-Öffnung an, über der mit Leuchtbuchstaben Arbalest Inc. verkündet wurde. Von Außen sah das Lager nicht großartig aus aber Tomes wusste, dass es einem der bekanntesten Infobroker in Piratenkreisen gehörte. Doch „Infobroker“ war eigentlich nur ein grober Überbegriff für das, was Joka Glet alles betrieb. Denn Joka beschaffte nicht nur Informationen, sondern auch verschiedenste andere Sachen, legale wie illegale. Aber nicht nur Waren beschaffte Joka, sondern auch verschiedenste andere Aufträge nahm er an. Das ging von einfachen Infanteriejobs über Attentatsaufträge bis hin zu Infiltrationsjobs. Dazu hatte er viele Kuriere, wie er sie nannte, eingestellt. Einer davon war Tomes, der jetzt in das Halbdunkel der Halle eintrat und zielstrebig an ein paar dunkelroten Leuchtkörpern vorbei zu einer größeren Schiebetür ging, durch deren Sichtfenster man helles Licht erkennen konnte. Als die Paneele der Schiebetür dann langsam aufglitten und Tomes eintrat, sah er dort einen Argonen der an einem PDD-Tisch saß und mit einer tiefen Denkfalte über ein paar Dokumenten brütete. Der Argone schreckte auf, als er hörte wie Tomes eintrat.
»Tomes! Ich habe dich schon vor drei Tazuras erwartet, wo warst du? Haben dir die Echsen Schwierigkeiten gemacht?«, fragte der Argone mit deutlicher Sorge in der Stimme.
»Tut mir leid, dass ich dir Sorgen bereitet habe, Joka. Die Teladi waren nicht das Problem, nein, aber die Split hatten mal wieder schlechte Laune. Die haben alle durchfliegenden Schiffe durchsucht und ich musste einen Umweg machen.«, antwortete Tomes.
Die Teladi waren noch nie das Problem für die Piraten gewesen, sie zeigten sich sogar ziemlich oft kooperativ, denn kaum einer konnte ein paar Credits extra widerstehen. Außerdem waren deren Sicherheitsvorkehrungen ziemlich lasch. In ihren wichtigsten Sektoren, wie auch in den Randsektoren. Was den Piraten natürlich auch wieder entgegenkam. Die Split waren da praktisch das Gegenteil. Die vielen Raumpatrouillen und die strengen Kontrollen vereinfachten die Piraterie nicht wirklich. Darum wurden deren Sektoren von den Piraten meistens ganz gemieden. Natürlich gab es einige hartgesottene Gruppierungen, die sich gerade eben auf die Splitsektoren spezialisiert hatten. Doch sie wurden immer weniger, irgendwann würden sie alle erwischt werden.
»Ja, die Split sind in der Tat in letzter Zeit recht aggressiv vorgegangen. Noch aggressiver als sonst, meine ich.«, Joka grinste kurz fuhr dann nach einer kurzen Pause aber fort, »Und dein Urlaub?«, fragte er weiter, betonte das Wort „Urlaub“ aber besonders.
»Deinen Auftrag habe ich erledigt, ja. Die Frachtboxen stehen zur Abholung bereit im Laderaum der Black Phoenix.«
»Gut, und, wie war’s so auf Platinball? Schönes Wetter gehabt?«
Die Frage war eigentlich überflüssig, denn auf dem Ferienplaneten Platinball im Sektor Firmenstolz war es immer schönes Wetter. Tomes hatte dort im Eibrütheim des Teladi Unternehmens eine größere Besorgung abholen müssen.
»Es wurde gegen Ende etwas knapp, die Echsen bewachen ihre Börsendaten ziemlich gut. Aber schlussendlich ist alles glatt gegangen, keine Toten und keine Verletzten.«
»Und der Abtransport verlief reibungslos?«
»Ja, keine Schwierigkeiten. Ich habe eine Fähre gemietet und bin dann im Orbit von dem Yaki-Kontaktmann abgeholt und nach Turpetine Station gebracht worden. Dort in die Black Phoenix umgestiegen und zurückgeflogen. Aber in Thuruks Bart musste ich wie gesagt noch eine größere Schlaufe fliegen, um den Patrouillen auszuweichen.«, erzählte Tomes. Der Grund, warum er nicht direkt mit seinem Schiff nach Platinball geflogen war, war einfach. Eine Korvette wie die Black Phoenix war eben nicht gerade unauffällig und darum war es besser, sie in Obhut des örtlichen Piratenclans zu belassen.
»Ich sehe, du hast den Aufenthalt auf Platinball genossen. Sonne getankt?«, meinte Joka mit einer Handbewegung in Richtung Tomes.
Tomes bedeckte ein konstant hellbrauner Farbton, was gut zu seinen pechschwarzen, recht kurzen Haaren und eisblauen Augen passte. Eine eher ungewöhnliche Kombination für einen Argonen. Er war groß, relativ schlank und recht muskulös. Tomes trug feste schwarze Schuhe und lockere, dunkelgraue Hosen mit vielen Taschen. Über den Hosen trug er noch an beiden Beinen ein Strahlerholster, die auch mit zwei mittelstarken Strahlern besetzt waren. Am Oberkörper trug er ein schwarzes, ärmelloses Shirt mit einer Kapuze. Außerdem trug er noch einen Allzweckgürtel mit vielen Taschen, einem Medikit und einem Messer daran, wie auch ein Infoarmband am linken Handgelenk.
»Na ja, richtiger Urlaub wäre besser gewesen«, sagte Tomes darauf und grinste.
»Dazu wirst du kaum Zeit haben. Im Moment mangelt es nicht gerade an Aufträgen. Als nächstes musst du eine Lieferung Waffen nach Neuer Verdienst in die Piratenbasis bringen.«, sagte Joka und beugte sich dann etwas näher an Tomes, »Scheinbar planen die einen Aufstand. «
»Was, schon wieder? Der letzte war doch erst vor einem Mazura!«
»Ja, eben. Angeblich ist ihnen der Raumsprit vor drei Wozuras ausgegangen. Wieder. Die haben ziemliche Lieferengpässe. Und das, obwohl die Völker schon fast nicht mit den Khaak fertig werden.«
»Hmm, ich glaube, ich nehme neben den Waffen noch eine Ladung Raumsprit mit, den werde ich dort sicher gut los.«
»Aber verkauf den lieber an die Aufständigen, sonst könnte das ihren Aufstand verderben und sie würden darauf sicher sehr gereizt reagieren.«
»Wenn du meinst… Habe ich eine Kontaktperson?«
»Ja, du sollst die Ware einem gewissen Hurilis Sossbramos Tomilos III liefern. Er wird dich im Lager 6 erwarten.«
»Oh toll, ein Teladi. Darf ich mit ihm noch Stazuras über den Preis diskutieren oder steht der schon fest?«, fragte Tomes verbittert.
»Der Betrag steht fest und wird mir überwiesen, sobald du die Ware geliefert hast. Du musst das Konto dann einfach noch schnell überprüfen, du kennst ja die Echsen, und ihn überreden die Credits rauszurücken, wenn etwas fehlt.«
»Achso, das Übliche also.«
»Genau, ich glaube…«, bestätigte er, und schaute kurz auf sein Infoarmband, »ja, die Ware wird soeben in die Black Phoenix geladen. Du musst sofort los, soll ich noch anweisen dir den Rest des Laderaums mit Raumsprit zu laden?«
»Ja, gerne. Domo - Danke.«
»Mach ich doch gerne. Nun aber ab mit dir, den Rest habe ich deinem Bordcomputer übermittelt. Bis in ein paar Tazuras.«
»Ja ja, bis in ein paar Tazuras.«
Tomes deutete noch kurz ein Winken an, drehte sich dann um und ging in Richtung Ausgang aus der Lagerhalle hinaus. Joka lächelte und wandte sich dann wieder seinem Schreibtisch und dem zu erledigenden Schreibkram zu.
Die Hauptmeile war so belebt wie schon eine halbe Stazura zuvor. Tomes reihte sich wieder in die Menge ein und nahm einen Weg, der ihn zu den Andockbuchten bringen würde. Wieder wurde er angerempelt, diesmal von einem betrunkenen Argonen mit einem langen, grauen Bart, einer Glatze und nur einem Auge. Der Pirat war in etwa gleich groß wie Tomes und drehte sich jetzt verärgert zu ihm um.
»Heeeh, Junge, kannsdu nich aufpassen?«, lallte der Pirat mit deutlichem Raumspritgeschmack im Atem.
Tomes verzog nur angewidert das Gesicht und wollte schon wieder weitergehen, als der Pirat ihn herumriss und schubste, sodass Tomes gegen einen anderen Argonen fiel und mit diesem am Boden landete. Immer mehr Schaulustige wendeten sich nun der Szene zu und bildeten langsam einen Kreis um den betrunkenen Piraten und Tomes, der immer noch mit dem Argonen am Boden lag. Dieser rappelte sich nun auf und blickte Tomes finster an, dann zu dem betrunkenen Piraten hinüber und als er dann begriff, trat er zur Seite und in den Kreis von Schaulustigen hinein.
Nun rappelte sich auch Tomes langsam auf und ging in die Hocke. Der betrunkene Pirat versuchte nun etwas unbeholfen seinen Strahler im Gürtelholster zu ergreifen. Doch Tomes, der das bemerkt hatte, streckte blitzschnell sein Bein aus und trat dem Piraten ins rechte Schienbein, dieser kippte vornüber. Tomes rollte sich links weg und war schon wieder halb auf den Beinen als der Pirat schreiend auf dem grauen Boden aufschlug - er hatte seine Arme aufgrund seines Rausches nicht mehr rechtzeitig hochbekommen um den Sturz abzufangen. Tomes stand nun ganz auf und drückte seinen rechten Stiefel auf die Hand des Piraten, die immer noch den Strahler hielt. Dann verlagerte er sein ganzes Gewicht darauf und nach einem hässlichen Knacken ließ der Pirat seinen Strahler schreiend los. – So schnell würde er auch keinen mehr in die Hand nehmen können. Tomes kickte den Strahler fort und drehte sich dann um in Richtung Andockbuchten, aus dem Kreis von Argonen, Teladi und Split hinaus, der sich nun schon wieder am auflösen war. Er sah noch den Argonen, auf den er gefallen war mit einem Teladi diskutieren, offenbar hatte er mit der Echse um den Ausgang des Kampfes gewettet und der Teladi wollte die Credits nun nicht rausrücken. Tomes grinste, er kannte das nur zu gut. Dann machte er sich wieder auf den Weg.

Die Docking-Halle war riesig. Sie wurde zur Hälfte von dem riesigen Landekarussell, Unmengen von Hebebühnen und Frachtkränen beansprucht, die andere Hälfte war besetzt von den Andockbuchten, in denen Hunderte von Schiffen geparkt waren, und nur wenige freistanden. Die Hebebühnen und Frachtkräne bewegten sich unaufhörlich, dazwischen erkannte man, wenn man genau hinsah, auch noch einige Schwebeplattformen. Ein Borone würde es wohl „ein lustiges, chaotisches Durcheinander“ nennen.
Tomes befand sich auf einer der Aussichtsplattformen an der Wand über der Schleuse. Er schätzte sich in gut 200 Längen Höhe, damit war er Nahe an der nach oben gewölbten Decke der Docking-Halle. Nun ging er am Geländer entlang zu einer Art Kai, an dessen Auslegern viele kleinere Schwebeplattformen lagen. Tomes passierte die Plattformen, ging weiter hinaus. Links und Rechts von ihm trennten ihn nur erschreckend zerbrechlich wirkende Absperrungen vor dem Abgrund. Manchen würde es hier wohl ziemlich schlecht werden, wenn sie hinunterschauen würden. Tomes war sich das allerdings gewöhnt, er war im All aufgewachsen. Und da gab es gar keinen Boden.
Vor einer der letzten Schwebeplattformen, eine kleinere schwarz grau lackierte, hielt Tomes an, warf noch kurz einen Blick auf das Terminal um den Status zu überprüfen und machte dann einen großen Schritt auf die Plattform hinauf. Dort wendete er sich wieder dem Terminal zu.
»Transit zum Knotenpunkt CKW-316«, befahlt Tomes.
»Autorisation?«, fragte die Plattform mit metallischer Stimme.
»Autorisation Tomes, zwölf zehn null neun.«, antwortete Tomes sofort.
»Bestätigt«, meinte die Plattform nur und setzte sich langsam in Bewegung, hinein in das Chaos der Docking-Halle.
Eine halbe Mizura später verlangsamte sie dann beständig, bis sie vor einer der Korvettenbuchten ganz zum Stehen kam. Dann wechselte sie die Richtung und beschrieb einen weiten Bogen um die Bucht herum und zum nächsten Knotenpunkt, wo die Docktunnel der zehn umliegenden Schiffe zusammenkamen. Dort hielt die Plattform an und Tomes stieg auf die größere Schwebeplattform des Knotenpunktes um. Dann zählte er die Buchten, bis er vor der sechsten ankam, dort blickte er auf das Terminal neben dem Dockingtunnel:

Bucht: CKW-316f
Kennung: Black Phoenix

Mehr als den Schiffsnamen musste man auf einer Piratenstation nicht angeben, das interessierte hier Niemanden, solange man die Gebühren zahlte. Aber Tomes musste die nicht zahlen. Joka Glet gehörten alle Buchten an diesem Knotenpunkt sowie auch alle von einem zweiten und da Tomes für Joka arbeitete, war dieser Permanentliegeplatz für ihn gratis. Hier lagen außer der Black Phoenix auch noch andere Schiffe von den Kurieren Joka’s, als Folge davon waren die meisten leer, bis auf Joka’s persönliche Buchten. Tomes’ Arbeitgeber hatte nämlich für einen Piraten ein ziemlich gut gefülltes Konto, natürlich bei einer teladianischen Bank. Er hatte sogar drei eigene Stationen, mit denen er seine legalen Credits verdiente. Und die natürlich auch als Stützpunkte für verdeckte Operationen dienten, zum Beispiel für seine Kuriere.
Tomes streckte dann den Daumen aus, und drückte ihn auf eine kleine, rechteckige Fläche neben dem holografischen Bildschirm des Terminals. Sogleich leuchtete die Fläche hellgrün und aus dem Dockingtunnel schwebte ihm eine kleine Schwebeplattform entgegen. Tomes betrat diese und die Plattform setzte sich sofort in Bewegung durch den frei schwenkbaren Tunnel hinab. Da der Tunnel durchsichtig war, konnte Tomes von hier auch die Vorgänge draußen erkennen. Da schwebte gerade eine andere Plattform zum Knotenpunkt 316. Darauf konnte er einen Teladi erkennen, der ihm zuwinkte. Tomes nickte zurück. Die Echse war ein anderer Kurier Joka’s und Tomes kannte ihn gut. Genauso wie die restlichen Kuriere seines Arbeitsgebers. Als die Schwebeplattform dann wieder verlangsamte, schaute Tomes wieder in die Richtung, in der er sich bewegte. Dort konnte er ein großes Schiff erkennen, sein Schiff. Die Black Phoenix.
Die Black Phoenix füllte die Bucht, die für Schiffe der Korvettenklasse gebaut wurde, komplett aus. Wenn man sie von Weitem sah, meinte man oft in dem länglichen, schlanken Schiff boronisches Design zu sehen. Doch wenn man die Phoenix dann nur von ein bisschen Näher sah, stellte man sofort fest, dass nur die ungefähre Form boronisch aussah. Von Nahem wirkte die Black Phoenix nämlich wie aus Ersatzteilen zusammengeschraubt. Wenn man genauer hinsah, konnte man noch die Konturen eines Argon Zentauren der C-Klasse erkennen. Doch nur im unteren Teil. Denn etwa dort wo bei einem Zentaur die Brücke beginnen würde, war eine rechteckige, andere Brücke aufgeschweißt. Und Auch die Triebwerke waren nicht die ursprünglichen. Am Chassis des Schiffes waren nämlich Teladi Triebwerke montiert. Die Sichtscheibe der Brücke war gelblich, der Rest in dunkelgrau, mit dunkelroten Streifen gehalten. Außerdem konnte man bei genauerem Hinsehen etwa in der Mitte der Black Phoenix an ihrem Unterleib große Frachttüren erkennen. Diese konnten gut zum Ein- und Ausladen der Fracht auch in Schwerelosigkeit oder sogar im Vakuum benutzt werden. Natürlich aber auch innerhalb von Stationen, wo die Black Phoenix üblicherweise mit größeren Fracht-Schwebeplattformen be- und entladen wurde. Tomes bemerkte, dass das auch jetzt noch der Fall war. Wahrscheinlich hatte es eine Verzögerung mit dem Raumsprit gegeben. Das war oft so, denn die Piraten nahmen für gewöhnlich alles etwas gemächlicher. Immer nach dem Motto „Genieße die Zeit, die du noch zum Leben hast“. Ihr Leben war gefährlich. Schon beim nächsten Flug konnten sie abgeschossen werden.
Die Schwebeplattform senkte sich jetzt noch die letzten vier Längen hinab, schwebte noch etwa zwei Längen vorwärts und hielt direkt vor einer der mannshohen Personenschleusen der Black Phoenix an. Dann fuhr plötzlich ein Paneel an der Schleuse, das sich ziemlich genau auf Augenhöhe befand, auf und Tomes trat davor. Nach einigen Sezuras fuhr das Paneel dann wieder zu und ein bestätigender Ton war zu hören. Tomes lächelte. Die vielen Sicherheitsvorkehrungen waren in einer Piratenstation ungewöhnlich. Auch auf jeder anderen Station hatte man normalerweise nicht so viele Vorkehrungen um Unerlaubtes Eindringen zu verhindern. Militärische natürlich ausgenommen. Joka Glet allerdings hielt das für notwendig um die zum Teil ziemlich wertvollen Schiffe seiner Kuriere sowie seine eigenen gegen Diebstahl und Sabotage zu schützen. Aber eigentlich machte schon der Retinascan, den Tomes eben über sich ergehen lassen hatte, unerlaubtes Eindringen unmöglich.
Die äußere Schleusentür fuhr zeitgleich mit der Inneren auf und Tomes konnte eintreten. Er ging durch die Schleuse und bog in dem Gang der sich dahinter befand rechts ab. Das Innere der Phoenix war äußerst geräumig und sauber, alles war in einem sterilen Weiß gehalten. Die Türrahmen waren allerdings dunkelgrau, auch der Fußboden war nicht weiß sondern in einem matten Schwarz gehalten, die Leisten aber auch wieder dunkelgrau. Auch Knöpfe oder Schalttafeln konnte man dank ihrer dunkelgrauen Umrandung gut erkennen. Alles war von den Reinigungsbots poliert worden und spiegelte recht stark, doch nicht stark genug um irritierend zu wirken.
Tomes ging mit schnellen Schritten – er kannte das Innere der Black Phoenix in- und auswendig – den Gang entlang, dessen Leuchtpaneele an der Decke alles hell beleuchteten. Das Innere seines Schiffes wirkte auf viele, die es nicht kannten klinisch, ja, Joka hatte sogar einmal gespottet, dass es nicht einmal im Hochsicherheitslabor auf Argon Prime so sauber sei. Sie hatten damals darüber gelacht, aber Tomes war sich mittlerweile nicht mehr so sicher, ob Jokas Behauptung nicht doch stimmte. Tomes’ Gedankengänge wurden aber abrupt unterbrochen, als sich vor ihm die nächste Sicherheitstür zur Seite schob und leise zischte. Diese Türen waren immer im Abstand von 20 teladianischen Längen in die Gänge eingelassen und würden sich innerhalb von Picosezuras schließen, wenn Luft durch ein Leck zu entweichen drohte. Sie waren, entgegen den normalen Türen in der Black Phoenix in vier, und nicht in nur zwei Segmente aufgeteilt, die sich auf alle Seiten hin öffneten.
Tomes ging weiter und durchquerte noch drei weitere dieser Sicherheitstüren, bis der Gang dann merklich eine Kurve nach links beschrieb. Als er dann im neunzig Grad Winkel zu seiner ursprünglichen Richtung ging, verbreitete sich der Gang plötzlich nach rechts, dort waren auch breite Stufen eingelassen, die zu einer höher gelegenen, ebenfalls breiten Tür führten. Tomes ging die Stufen mit großen Schritten hinauf und trat vor die Tür. Diese unterschied sich nicht nur in ihrer Breite von den bisherigen, auch war sie in zehn Segmente aufgeteilt, die sich nun Spiralförmig drehten und eine runde Öffnung schufen. Als Tomes dann in den großen, rechteckigen Raum trat, der förmlich von den riesigen Sichtfenstern die rechts, links und vorne angebracht waren, beherrscht wurde, erklang zum ersten Mal die Stimme des Bordcomputers.
»Willkommen, Captain, auf der Brücke der Black Phoenix, dem modernsten Schrotthaufen im bekannten Universum.«, verkündete die deutlich weibliche Stimme mit sarkastischem Tonfall.
»Danke, Rjiu, das hat mir jetzt gleich Mut für den nächsten Flug gemacht.«, meinte Tomes und lächelte.
»Immer zu Diensten, Captain.«, antwortete Rjiu.
Tomes ging zur Stehkonsole, die in der Mitte der Brücke angebracht war, und betätigte ein paar Schalter und Knöpfe. Plötzlich erwachten überall im Schiff die Maschinen und Konsolen zum Leben.
»Rjiu, Startsequenz einleiten. Dann Kontrolle zu mir.«, sagte Tomes ruhig und setzte sich
auf einen der drei Pilotensessel. Rjiu bestätigte und begann damit, die Black Phoenix in Flugbereitschaft zu versetzen. Tomes überwachte den Vorgang von seinem Platz aus.
Als Rjiu dann nach genau eineinhalb Mizuras fertig war, und das Tomes auch meldete, stand dieser wieder auf und stellte sich hinter die Stehkonsole. Dann betätigte er einen Knopf und sofort fuhren zwei Paneele an der Konsole zur Seite. Tomes legte seine beiden Hände in die zwei Öffnungen die entstanden waren. Unter seinen Handflächen befand sich jetzt je eine runde, kühle Kugel. Steuerkugeln. Tomes drehte die linke Kugel in seine Richtung. Die Phoenix reagierte sofort und setzte sich gemächlich rückwärts in Bewegung. Als das Schiff die Bucht dann Rückwärts verlassen hatte, vollführte Tomes mit der Black Phoenix elegant eine Drehung und schickte eine Startanfrage an die Docking-Kontrolle. Die Anfrage wurde automatisch vom Computer des Piratenhafens bestätigt und nach einer halben Mizura kam dann auch der Funkspruch herein:
»Sie haben Startfreigabe, guten Flug.«, ratterte der Argone am anderen Ende. Tomes wollte noch zu einer Antwort ansetzen, aber der Kanal schloss sich gleich wieder. Der Argone hatte wohl noch viel zu tun.
Tomes beschleunigte mit der linken Steuerkugel, indem er sie von sich weg drehte und die Korvette setzte sich in Bewegung Richtung Schleuse. Da die Phoenix auf dem Weg noch einige Landebuchten passieren musste, konnte Tomes auch noch einen Blick auf die Schiffe, die sich darin befanden, werfen. Da war eine kleinere Bucht mit einem Orinoko Schiff der A-Klasse, das wohl schon einige Jazuras auf dem Buckel haben musste. Die A-Klasse galt seit dem Xenonkrieg als veraltet und das war immerhin 24 Jazuras her! Das Schiff musste wohl ähnlich viele Modifikationen und Umbauten wie die Phoenix hinter sich haben.
Die nächste Bucht war leer, die übernächste auch. Sehr zu Tomes’ erstaunen, denn normalerweise herrschte hier ein sehr großer Andrang. In der vierten Bucht war einer der neuen Demeter Frachter der B-Klasse parkiert, soweit Tomes erkennen konnte, ein Standardmodell.
Die Black Phoenix erreichte die große Schleuse. Tomes brachte das Schiff nur ein paar Längen vor den Toren zu stehen. Da schwebte die Korvette noch ein paar Sezuras, bis die dicken, schweren Paneele der Tore sich langsam auseinander schoben. Die Phoenix beschleunigte wieder und sobald sie das erste Tor passierte schob es sich auch schon wieder zu. Dann wurde die Luft abgepumpt, nach ein paar Mizuras befand sich das Schiff im All.
»Rjiu, Kurs auf Neuer Verdienst.«
»Verstanden Captain.«
Tomes wusste, Rjiu würde ohne Aufforderung Ausweichrouten berechnen, nur für den Fall dass sie einer Patrouille begegnen sollten.

enenra
05-11-2007, 04:58 PM
Rückblickend war die Reise nicht sehr interessant gewesen. Es hatte nur einmal eine kritischere Situation gegeben, als eine teladianische Polizeipatrouille seine Identität und die Kennung seines Schiffes überprüft hatte. Zum Glück wechselte Tomes vor jedem Flug sein Transpondersignal und seine Identität.
Die Black Phoenix war nun im Anflug auf die Piratenstation in Neuer Verdienst. Obwohl diese viel kleiner war als der Piratenhafen in LooManckStrats Vermächtnis konnte sie trotzdem ein oder zwei Schiffe in der Größe der Phoenix aufnehmen. Tomes selbst befand sich zur Zeit nicht auf der Brücke, Rjiu konnte das Schiff durchaus alleine steuern. Er genehmigte sich gerade eine Dusche. Als Tomes nach ein paar Mizuras fertig war und sich bereits wieder angezogen hatte, meldete ihm Rjiu, dass sie nun eingetroffen wären.
Die Docking-Halle dieser Piratenstation war deutlich kleiner als die von Tortuga. Kein Wunder, die Station selber war ja auch bedeutend kleiner. Größe auf Kosten von Mobilität, nicht unbedingt ein schlechter Tausch. Falls eine Piratenstation entdeckt würde, hätte sie keine großen Überlebenschancen mehr wenn sie stationär wäre. Hingegen wenn sie mobil ist, fliegt sie einfach an eine andere Position. Das galt natürlich nicht für La Tortuga. Einerseits war ihre Position etwas, was kaum ein Pirat herausgeben würde, andererseits war sie durch ihre Lage, dem Minenfeld, der Abwehrschiffe und nicht zuletzt dank des großen Einflusses der Familien gut geschützt.
Die Black Phoenix besetzte nun eine der zwei Buchten, die ein Schiff ihrer Größe aufnehmen konnten. Die andere war von einem Transporter besetzt, Tomes konnte aufgrund des Winkeln nicht erkennen was für ein Typ, aber er nahm an dass es ein schrottreifer, alter teladianischer Frachter war, wie sie meistens benutzt wurden um kleine Piratenbasen zu versorgen. Nachdem sich der Dockingtunnel mit einem schmatzenden Geräusch an der Backbordschleuse der Phoenix festgesaugt hatte und Rjiu bestätigte dass dieser keine Lecks hatte, schnappte sich Tomes noch sein Datapad und verließ dann sein Schiff über die Schleuse.
Ein paar Sezuras später trat Tomes von der Schwebeplattform und aus dem Dockingtunnel auf eine rechteckige Plattform aus schmutzigem PDD. Die Geländer an drei Seiten der Plattform waren zum Teil abgerissen, ein Teil hing sogar in die Luft hinaus. Frachtboxen standen kreuz und quer verstreut, manche halb offen, die meisten leer. Tomes schaute auf sein Datapad um zu überprüfen wo er die Ladung abliefern sollte. Es war ein Standardmodell. Viereckig, etwa drei Fingerbreit dick, klobig. Das Datapad hatte viele Kratzer welche von häufiger Nutzung zeugten, sogar eine Einschussstelle in deren Umfeld das graue PDD schwarz gefärbt und verformt war. Der Bildschirm flimmerte leicht bläulich, dann erschien das Menü. Nach mehrmaligem Drücken auf den Bildschirm wurden dann auch die gewünschten Informationen angezeigt.

Empfänger: Hurilis Sossbramos Tomilos III
Fracht: Waffenlieferung
Standort: Frachtbüro; Hafenaufsicht

Die Hafenaufsicht war in Piratenstationen, sosehr sie sich auch unterscheiden mochten, nie weit von der Docking-Halle entfernt. Meistens mit Blick auf die Schleuse um bei Problemen schnell reagieren zu können. Tomes ging zur Wand hinüber, an die die Plattform angebaut war, navigierte währenddessen im Menü seines Datapads herum. Bei der Wand angekommen stand Tomes nun vor einer Schleuse, bestehend aus drei Paneelen. Im mittleren war ein schmutziges Sichtfenster eingelassen. Als Tomes auf die Tür zuging, schoben sich die Paneele ächzend, quietschend auseinander. Im darauf folgenden Gang gab es auch nicht viel zu sehen. Boden und Wände bis Hüfthöhe bestanden aus geripptem Metall, ehemals wohl in metallischem Grau, nun mehrheitlich dunkelgrau bis schwarz. Die Leuchtkörper an der Decke des recht niedrigen Korridors spendeten nicht wirklich viel Licht, einige flackerten. Auch hier standen immer wieder Frachtboxen an den Wänden gestapelt.
Nach etwa einer Mizura erreichte Tomes einen ein wenig belebteren Teil der Station. Eine große Halle, eine erhöhte Plattform in der Mitte. Rundherum ein paar bewaffnete Piraten, wohl die Sicherheitstruppe der Station. Auf der Plattform waren einige bemitleidenswerte Kreaturen in Ketten zu sehen, jeweils mit einem der berüchtigten Sklavenhalsbänder um den Hals. Ein Split mit einer ungesund wirkenden nikotingelben Hautfarbe und langen, weißen Backenbärten ging vor ihnen auf und ab, preiste seine recht elend wirkende „Ware“ an. Einige Teladi und zwei Argonen standen vor der Plattform und beobachteten, diskutierten, feilschten. Tomes beachtete die Szenerie nicht groß. Zu viele Male schon hatte er das gesehen, Sklavenmärkte waren nichts besonderes auf einer Piratenstation. Tomes selbst hatte nicht oft mit Sklaven zu tun, daher machte er sich auch keine großartigen Gedanken über sie beziehungsweise versuchte Aufkeimen von Mitleid gleich zu unterdrücken. In seinem Beruf konnte man es sich nicht leisten empfindlich auf solche Sachen zu reagieren. Schließlich überbrachten Arbalest’s Kuriere nicht nur Waren, sondern führten auch Attentate und Entführungen durch.
Tomes erreichte nun einen kleinen Personenlift, der in die Wand der Halle eingelassen war. Als er sich näherte fuhr die Tür sofort geschmeidig auf, ein Zeichen dafür dass dieser Lift entweder nicht oft benutzt wurde, oder die Tür erst neu eingebaut wurde. Tomes tippte eher auf letzteres und wurde in seiner Vermutung bestätigt, sobald sich der Lift in Bewegung setzte. Nach einer kurzen, aber recht holprigen Fahrt verließ Tomes den Lift dann auch bald wieder. Nun befand er sich in einem recht kleinen Raum mit einer Sitzbank aus demselben gerippten Metall, das auch den Boden bedeckte, einer Tür und neben der Tür ein kleines Fensterchen, das wohl eine Art Schalter war. Tomes war alleine im Raum, doch hinter dem Schalter saß eine junge Argonin, die ihn gelangweilt anschaute. Das Kinn auf der Hand abgestützt mit zersausten, halblangen blonden Haaren und dem Stift, den sie zwischen den Fingern der rechten Hand drehte, sah sie nicht sehr seriös aus, doch auf welcher Piratenstation gab es schon seriöses Personal?
»Guten Tazura. Ich würde gerne Hurilis Sossbramos Tomilos III vom Frachtbüro sprechen.«, grüßte Tomes die Argonin freundlich und stand vor den Schalter.
»Ihr Name und der Grund warum sie ihn sprechen wollen?«, fragte die Argonin darauf, Tomes keines Blickes würdigend und auf ein Display schauend.
»Ich bin von Arbalest. Ich habe eine Lieferung für ihn. Er erwartet mich.«, antwortete Tomes einfach.
Der Stift, den sie noch Sezuras zuvor gelangweilt zwischen den Fingern gedreht hat, fiel klimpernd zu Boden. Nun schaute die Argonin auch nicht mehr auf den Display, sondern glotzte Tomes an.
»Was hast du eben gesagt?«, fragte sie nach einigen Sezuras ungläubig, in der Anredeform wechselnd und mit einer Spur Ärger in der Stimme, »Was sollte Arbalest mit Tomilos zu schaffen haben? Und warum sollten die so jemanden wie dich schicken?«
»Ein Problem damit? Kann ich ihn jetzt sehen oder nicht?«, antwortete Tomes kalt.
»Vergiss es. Er ist im Moment für niemanden zu sprechen.«, fertigte sie ihn ab und starrte nun wieder auf ihren Display. Was es dort zu sehen gab, wusste Tomes nicht da man aus seinem Winkel nicht auf den Display sehen konnte. Tomes bewegte sich nicht von der Stelle, doch nun wurde er einfach wieder ignoriert.
Grundsätze von Arbalest waren schnelle und erfolgreiche Lösung von Aufträgen. Da er keinen anderen Weg mehr sah, beschloss er keine weitere Zeit mehr zu verlieren und den Auftrag abzuschließen. In einem Bruchteil einer Sezura sah die Argonin in den schwarzen Lauf einer Schusswaffe.
»Er soll sofort herkommen.«
Die Argonin sah ihn erschrocken an. Dann, nach einigen Sezuras, schien sie sich wieder zu beruhigen und fragte mit hasserfüllter Stimme:
»Du bist einer der Söldner, die der Don angeheuert hat, nicht wahr? Du sollst Tomilos umlegen.«
»Ich weiß nicht wovon du redest. Ich bin das, was ich gesagt habe ich bin und nichts anderes.«, erwiderte Tomes kalt.
»Ha! Ich habe dich durchschaut. Wir werden uns nicht unterkriegen lassen. Wenn ein Don nicht einmal seinen Clan mit Raumsprit versorgen kann, hat er es nicht verdient ein Don zu sein!«
»Und wenn ich Tomilos umlegen wollte. Du bist nicht gerade in der Position so zu reden. Bist du dir so sicher, dass ich dir nichts tun werde?«
»Es ist egal wer du bist. Du bist nicht in der Position Forderungen zu stellen! Du hast wohl den Energieschirm noch nicht bemerkt, der zwischen uns ist.«, erklärte die Argonin höhnisch. Tatsächlich bestand zwischen Tomes und ihr ein unsichtbarer Energieschirm, der zwar festen Dingen Durchlass gewähren würde, jedoch jegliche Strahlen abblocken würde.
Tomes bewegte sich kein Bisschen doch plötzlich hörte man ein lautes Knallen, ein Luftzug. Es rauchte leicht aus einem Einschussloch am Boden innerhalb des Schalters, von Tomes’ Perspektive aus genau neben dem Kopf der Argonin. Ein Wort mit großer Auswirkung:
»Projektilwaffe.«
Das Verhalten der Argonin nach dem Schuss unterschied sich deutlich von dem, das sie vorher an den Tazura gelegt hatte. Kooperativ bat sie den Teladi an den Schalter. Als Tomes ihm die Situation erklärte, folgte eine kurze Entschuldigung, dann wurde Tomes durch die Tür hineingebeten und er folgte der Echse in ein kleines, geräumiges Büro mit einem Sichtfenster durch das man auf die Dockinghalle sehen konnte.
»Tssh-shh. Es tut mir wirklich Leid, dass Ihnen Illisa Probleme gemacht hat, werter Kollege. Ssssie scheint leider etwas nervös zu sein. Ich werde bereits verdächtigt, den Aufstand anzuzetteln, müssen Ssssie wissen.«, erklärte die Echse zischend und ließ sich auf seine Sitzbank hinter einem Bürotisch fallen, betätigte ein paar Kontrollen.
Tomes schlenderte langsam zum Sichtfenster hinüber und betrachtete die Black Phoenix in ihrer Landebucht von oben, immer noch ein imposanter Anblick. Nach ein paar Sezuras drehte er sich wieder um und ging zu dem Teladi hinüber, reichte ihm sein Datapad um den Transfer der Fracht zu bestätigen zu lassen.
»Sind Sie denn nicht auch der Anführer?«
Hurilis Sossbramos Tomilos III ließ sich einige Zeit mit der Antwort. Er nahm das Datapad entgegen, überprüfte die Angaben auf dem Bildschirm und presste dann seine Handfläche auf den Bildschirm um den Handel zu unterzeichnen. Die Echse reichte Tomes das Datapad zurück und faltete dann seine Klauen, stützte die Ellbogen auf die Tischfläche und sein Kopf auf die Klauen.
»Nun. Der momentane Don ist unfähig, werter Kollege. Nur die Starken überleben, das ist das ultimative Gesetz des Universums. Ist ein Wesen zu schwach, stirbt es.«
Am Sichtfenster zog langsam ein Schiff vorbei, seine Antriebsstrahlen beleuchteten kurz das Büro überstark, was alles surreal erscheinen ließ. Der Teladi stand wieder auf und stellte sich vor das Sichtfenster, faltete die Klauen nun hinter dem Rücken. Tomes blieb stehen. Er konnte sehen, wie Tomilos jetzt auf die Phoenix herabschaute. Zumindest war das wahrscheinlich. Dort würden jetzt Bots mit der Entladung seines Schiffes beginnen. Der Teladi sprach nun weiter, immer noch in die Docking-Halle schauend.
»Mit den Waffen, die Ssssie uns geliefert haben wird meine Gruppe die momentane Führung des Shinai-Clans aus dem Weg schaffen und selbst diese Positionen einnehmen. Das wird ssssehr profitabel werden.«
»Nun, dann wünsche ich Ihnen viel Glück bei eurem Aufstand. Ich werde dem Ganzen aus dem Weg gehen und die Zeit in meinem Schiff absitzen.«, antwortete Tomes langsam und wendete sich der Tür zu.
Tomilos jedoch drehte sich abrupt um, drückte auf einen Knopf auf seinem Infoarmband das er an seinem linken Handgelenk trug.
»Es tut mir aufrichtig Leid, aber das kann ich nicht erlauben, werter Kollege Kurier.« Mit diesen Worten fuhr die Tür auf und eine Frau mit mittellangen, dunkelroten Haaren betrat das Büro. Tomes griff instinktiv mit seiner rechten Hand nach der Projektilwaffe, konnte sich jedoch noch davon abhalten sie zu ziehen. Von dieser Frau ging eine Gefährlichkeit aus, die man nicht mit den Augen sehen konnte. Zumindest nicht in dem Sinne, indem Tomes sie spürte. Die Katana, die sie in der rechten Hand trug, und das schwere Repetiergewehr, dass sie sich um die Schulter geschlungen hatte strahlten natürlich auch nicht gerade Friedfertigkeit aus. Die Frau trug einen ärmellosen Kampfanzug, scheinbar aus einem sehr flexiblen aber trotzdem gut schützenden, grauen Material gefertigt. Aus demselben Material wenn auch etwas dicker schienen auch ihre Hosen gefertigt zu sein, diese waren jedoch in einem dunklen metallic grün gefärbt. Ebenfalls aus diesem Material waren wohl ihre Handschuhe, die dieselbe Farbe wie ihr Oberteil hatten. Sie trug einen golden gefärbten Gürtel mit einer kompliziert scheinenden Schnalle. An ihrer rechten Seite hatte sie eine Art Tuch am Gürtel befestigt, weiß, dass sie scheinbar auch als eine Tasche benutzte. Um den Hals hängte ihr außerdem ein Medallion, auch golden an einem schwarzen Band. Am linken Oberarm trug sie eine Stoffbandage, die jedoch, wie Tomes nun bemerkte, nicht dazu da war eine Wunde abzudecken. An der Bandage war nämlich ein Emblem befestigt. Dunkelgrau, rund mit einer Abbildung eines Totenkopfs, darüber ein Blitz. Damit bestätigte sich Tomes’ Vermutung. Dies war nicht irgendeine Wache oder Söldner. Dies war ein Mitglied der Sai – der wohl legendärsten Attentäter- und Söldnergruppe die je existiert hatte. Mitglieder dieser Gruppierung waren bekannt für ihre Effizienz. Als Einzelkämpfer sowie in Gruppen waren sie unübertroffen. Sie konnten es sogar mit militärischen Einheiten der Völker aufnehmen. Ihre Mitglieder waren außerdem dafür bekannt häufig Nahkampfwaffen wie Schwerter zu benutzen. Tomes wusste, gegen so einen Gegner hatte er nicht den Hauch einer Chance, mochte er selbst noch so ein guter Söldner sein. Er hatte außerdem in diesem Umfeld noch zusätzliche Nachteile. Dies war ein kleiner Raum, perfekt geeignet für Nahkampfwaffen. Schusswaffen waren hier also so gut wie nutzlos, was ein großes Problem für Tomes darstellte: Er war spezialisiert auf Fernkampf.
Als Tomes sich nach zweimaligem Blinzeln endlich aus seinen Gedankengängen befreit hatte, blickte er direkt in die etwa eine Handbreit entfernten saphirgrünen Augen der Frau, die ihn neugierig anschauten.
»Hey! Eingeschlafen?«
Unwillkürlich schreckte Tomes einige Längen zurück und ehe er sich versah, zielte seine Projektilwaffe genau zwischen ihre Augen, der Spitz ihrer Katana aber befand sich gleichzeitig auch genau vor seiner Kehle. Erschrocken riss Tomes seine Augen auf. Sie hatte tatsächlich in dem Bruchteil einer Sezura, den er benötigte um seine Waffe zu ziehen, ihre Katana gehoben und punktgenau auf seine Kehle gezielt. Beide verharrten in dieser Position. Ja. Er war ihr definitiv nicht gewachsen.
Tomilos, der die Situation bis jetzt nur perplex beobachtet hatte, näherte sich nun hektisch watschelnd und gestikulierte, zischte wild.
»Werte Kollegen, werte Kollegen! Ich bitte Ssssie! Ssssie sind keine Feinde! Bitte senken Ssssie Ihre Waffen damit ich die Situation erklären kann! Tssh-shh!« Seine Stirnschuppe war mittlerweile deutlich blasser geworden.
Tomes war ziemlich überrascht, er hatte gedacht er würde diesen Ort nicht mehr lebend verlassen. Langsam entspannte er die Hand, die mit der Projektilwaffe auf den Kopf der Frau zielte, sah, dass sie dasselbe mit der Hand die die Katana hielt tat. Schließlich senkten beide beinahe simultan ihre Waffen, behielten sie jedoch in der Hand.
»Danke! Vielen Dank werte Kollegen!«, stotterte die Echse darauf hörbar erleichtert, »Das ist wirklich ein schreckliches Missverständnis! Werter Kollege Kurier-san, ich möchte Ssssie nur bitten, hier zu bleiben bis die Sache durchgezogen ist. Ich habe keinerlei Interesse daran Ssssie aus dem Weg zu schaffen oder ähnliches. Ich möchte nur sicherstellen, dass Ssssie niemandem von mir erzählen können bis der Aufstand vorbei ist.«
Tomes atmete tief ein und wieder aus um sich zu beruhigen. Gut. Ich lebe also noch ein wenig länger!
»Gut. Ich verstehe nun einigermaßen die Lage. Aber was macht eine Sai-Söldnerin hier?«
Die Frau stütze ihre Katana auf ihre rechte Schulter und stemmte den anderen Arm in die Hüfte, verzog den Mund schmollend.
»Mein Name ist Rin! Rin!«, protestierte sie lautstark, in ihrer Sprechweise und Verhalten eher an ein kleines Mädchen erinnernd, als an eine gefürchtete Killerin, dachte Tomes.
»R wie randalieren, I wie Irrsinn, N wie niederstechen!«, plapperte sie fröhlich weiter und zählte die Buchstaben an den Fingern der linken Hand ab.
Andererseits...
»Dann eben Rin.«, unterbrach Tomes sie in ihrem Redefluss, »Warum ist sie hier?«
Plötzlich spürte Tomes etwas auf seiner Schulter. Als er hinübersah, stützte sich dort Rin mit beiden Händen spielerisch ab, die Katana hatte sie mittlerweile weggesteckt.
»Ich bin fürs Aufräumen zuständig. Falls Tomilos’ Kämpfer irgendwo nicht weiterkommen, mache ich Platz frei.«, erklärte sie leise, mit einem böswilligen Grinsen, das nicht so recht zu ihrem Mädchenhaften Verhalten zu passen schien. Als Tomes das gedanklich feststellte, blies ihm Rin allerdings plötzlich fest ins Ohr, sodass er zurückschreckte.
»Hah-ha! So leicht zu erschrecken!«, rief Rin lachend und nahm wieder ein wenig Abstand, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und stütze sich dagegen. »Und bis ich etwas zu tun bekomme, soll ich für dich Babysitter spielen.«
Tomes fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
»Na toll. Und wann werden Ihre Männer mit dem Aufstand beginnen?«, fragte Tomes nun missmutig an Tomilos gerichtet.
Die Echse schaute kurz auf ihr Infoarmband und warf dann einen kurzen Blick aus dem Sichtfenster zur Black Phoenix.
»In wenigen Mizuras. Sobald sie die Waffen entladen und verteilt haben. Das Ganze wird höchstens zwei Stazuras dauern, Ssssie werden also nicht lange hier festsitzen werter Kollege.«
Tomes steckte seine Waffen nun weg und verschränkte die Arme. 2 Stazuras in diesem langweiligen Büro die Zeit totschlagen?
»Muss ich wirklich die ganze Zeit über in diesem Büro bleiben? Sobald Ihre Männer mit dem Angriff beginnen, gibt es ja nichts mehr geheim zu halten. Außerdem sollte sich Rin wenn sie schnell eingreifen können soll, auch nicht zu weit vom Geschehen entfernt befinden. Sie könnten mich ja einfach auch anheuern.«
»Gutes Argument, kleiner Kurier.«, kommentierte Rin lächelnd während sie stetig ihr Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Scheinbar konnte sie es schlecht lange an einem Ort aushalten.
Tomilos schien kurz zu überlegen, blies dann allerdings Luft durch seine Nüstern heraus, was bei einem Teladi hieß, dass er nicht einverstanden war.
»Ich habe nichts dagegen wenn Ssssie mit Rin näher an das Kampfgeschehen gehen damit sie schneller eingreifen kann. Allerdings sollte ein Söldner von diesem Kaliber ausreichen. Ich habe kein Interesse daran weiteren Profit unnötig zu verlieren. Tshh-shh!« Der Teladi schüttelte kurz den ganzen Körper um seine Missbilligung von weiteren Verlusten auszudrücken, ging dann zur Tür und drückte auf den Öffner und schaute nochmals zurück zu Tomes und Rin. »Entschuldigen Ssssie mich nun. Ich muss einige organisatorische Dinge erledigen. Begeben Ssssie sich zum Lagerraum B4, wo sich unsere Verbündeten sammeln werden und auch die Waffen gelagert sind. Ich sehe Ssssie dann dort, werte Kollegen.«
Mit diesen Worten verließ Hurilis Sossbramos Tomilos III das Büro, ließ Tomes und Rin alleine zurück.
»Na toll. Und jetzt?«, fragte Tomes nach einige Sezuras an die Tür gewandt.
»Was wohl? Wir gehen zu diesem Lagerraum! Welcher war es noch mal?« Rin schien nicht im kleinsten über den plötzlichen Abgang der Echse verärgert zu sein. Sie ging einige Schritte zur Tür, drehte sich dann und schaute zurück. Als sie bemerkte dass Tomes ihr nicht gleich folgte, griff sie sich seinen rechten Oberarm und zerrte ihn in Richtung Tür: »Na los! Komm schon!«, rief Rin ausgelassen.
Tomes, leicht perplex von der Offenheit der Söldnerin, leistete nicht viel Widerstand und folgte ihr.
»Ja-ja. Schon gut, ich komme ja schon. B4 war’s«
»Was B4? Von was redest du?«
»Du hast mich gefragt in welchen Lagerraum wir müssen. Wir müssen in Lagerraum B4.«
»Achja – das. Egal! Ich weiß sowieso nicht wo der ist!«
Ein verzweifeltes Seufzen von Tomes.

Flad
06-11-2007, 06:58 PM
Sehr schön, sehr schön. Wann gibts mehr? :mrgreen:

enenra
06-11-2007, 08:51 PM
Ich habe noch nicht mit dem neuen Kapitel begonnen (Kap5), daher wird es eine Weile gehen, bis wieder etwas kommt. Auch deswegen weil Kapitel 5 etwas länger werden sollte (schon viel dafür geplant) und meine Rechtschreibung erst nach der Korrektur durch die Probeleser sehenswert ist. ^^

Ein kleiner Ausblick auf Kapitel 2:
Der zweite Protagonist - bzw. die Protagonistin wird vorgestellt werden. Das in einem Zeitsprung um einige Jazuras zurück. :)

LarDreamer
08-11-2007, 04:31 PM
Ganz grosses Kino, Respekt dafür. O0
Bin schon sehr gespannt, was noch kommt.

enenra
09-11-2007, 04:51 PM
Danke. :)

Ich versuche z.Z. die Formatierung des pdfs ins Forum zu übertragen sodass es optisch noch ein wenig besser aussieht.

enenra
19-12-2007, 07:28 PM
Ich konnte zwar noch kein neues Kapitel fertigstellen, aber ich dachte dass doch ein wenig viel Zeit seit dem letzten Kapitel vergangen ist. :)
Einen Download gibt es z.Z. noch nicht, wird aber bald folgen.

Man beachte den Zeitsprung bei der Angabe! (beträgt 9 Jazuras -> 11.7 Jahre)

Kapitel 2

„Hunderte von Piraten und ich
schulde jedem einzelnen Credits!“
Unbekannter Verfasser

T103::M03::J757

Ein lautes Trommeln. Kurz ein Paukenschlag. Das Geräusch von fließendem Wasser. Kälte. Nach einer Weile öffnete Chiyako Rey langsam ihre Augen und wischte sich mit der Hand einige Wassertröpfchen aus dem Gesicht, die dort hingespritzt waren. Sie saß halb im Haus, halb auf der Veranda und schaute nach draußen. Regen, Regen, Regen. Nichts als Regen. Obwohl es schon gegen Mittag ging, war es immer noch dunkel draußen. Man konnte kaum das nächste Haus sehen, so dicht war die Regenwand. Sie rutschte ein wenig weiter zurück um nicht auf dem harten Holz der Veranda zu sitzen, sondern auf dem Tatami. Tatami waren eine Art dünne Matten, die den ganzen Boden ihres Zimmers bedeckten. Und sie waren bequemer als das Holz, denn sie waren weich. Zwar nicht so weich, dass man einsinken würde, wenn man draufsteht, aber Chiyakos Vater hinterließ zum Beispiel schon ein Abdruck. Der Abdruck, den ihre Mutter hinterließ, war nicht so tief und glättete sich schneller wieder aus. Sie selbst hinterließ gar keinen, oder nur einen ganz, ganz kleinen. Das lag wohl daran, dass ihr Vater und ihre Mutter größer waren als sie. Chiyako war ja auch erst fünf Jazuras alt. Sie fragte sich, ob sie, wenn sie groß wäre, wohl auch so einen großen Abdruck wie ihr Vater hinterlassen würde.
Das Mädchen wurde aus seinen Gedanken geweckt, als ein weiterer Spritzer Wasser ihr Gesicht traf. Es regnete jetzt nicht mehr so stark, man sah nun ohne Probleme zum nächsten Haus hinüber. Es war wie das Haus in dem Chiyako ihr Zimmer hatte aus Holz gebaut. In einem uralten Baustil, wie sie Besucher schon ein paar Mal hatte bemerken hören. Sie wusste, dass die Häuser in denen sie und ihre Familie sowie einige andere Leute lebten, nicht wirklich modern waren. Zumindest nicht von der Bauweise her. Chiyako hatte ja schließlich nicht ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie war schon ein paar Mal mit ihrer Familie in einem der Schwebegleiter in die Stadt geflogen. Wenn es auch jedes Mal sehr lange gedauert hatte. Das Anwesen, auf dem sie wohnte befand sich nämlich tief in den Bergen, weit weg von anderen Häusern. Rund herum gab es nur Wald, Berge, Seen, Flüsse und noch mehr Wald. Grosse Bäume mit langen Ästen. Sie trugen seltsame nadelförmige Blätter die nie abfielen. Gut, es gab auch noch einige andere Bäume, die einen blühten wunderschön weiß und rosa im Frühling, die anderen hatten feuerrote Blätter, die, wenn sie vom Wind bewegt wurden, lichterloh zu brennen schienen. Allerdings im Herbst und nicht im Frühling. Im Wald gab es alle dieser Bäume und noch viele mehr. Einer besser geeignet als der andere um hochzuklettern. Das tat Chiyako besonders gern. Hochklettern bis beinahe zur Spitze. Wenn dann der Wind ihre Haare zum flattern brachte und der Baum leicht hin und her wiegte, fühlte man sich, als ob man fliegen könnte. Sie liebte es. Ihr Vater hasste es. Er hatte ihr mit Hausarrest gedroht, wenn er sie wieder beim Klettern erwischen sollte. Es war ihr egal gewesen. Sie würde sich nun einfach nicht mehr erwischen lassen. Chiyako seufzte, zog ihre Knie an, schlang ihre Arme um die Beine und legte ihr Kinn auf die Knie. Bald war Zeit für ihr tägliches Kendo-Training. Nicht, dass sie etwas gegen Kendo hätte, Chiyako hatte den Sport sogar sehr gerne, aber im Moment war sie einfach nicht in Stimmung dafür. Sie wusste, was passieren würde, wenn sie so ins Training gehen würde. Kein Schlag mit der Shinai würde sitzen, sie würde völlig unkoordiniert umherfuchteln. Chiyako überlegte sich, ob sie sich irgendwo verstecken sollte, sodass Yuuka, die sie zum Training brachte, sie nicht finden würde. Andererseits würde es wohl nicht lange dauern, bis Yuuka sie gefunden hätte. Es war immer dasselbe. Niemand konnte sie finden, wenn sie sich versteckte, nur Yuuka war eine Ausnahme. Und wenn diese Chiyako fand, gab es kein Entrinnen mehr. Egal wie sie sich wehrte, Yuuka hob sie meistens einfach mit einem Arm hoch und brachte sie zu ihrem Vater, von dem sie dann eine Predigt bekam. Ja, das war ein anderer Grund warum sie sich nicht verstecken würde. Ihr Vater war zwar wirklich nett, wenn man sich aber nicht an Regeln hielt bestrafte er einen erbarmungslos. Chiyako hatte einmal ohne Süßigkeiten eine ganze Wozura aushalten müssen! Es war also besser ins Training zu gehen, beschloss sie.
Chiyako stand langsam wieder auf. Nun fielen nur noch vereinzelt Tropfen vom Himmel, die Sonne strahlte wieder hinab. Sie zupfte ihren Kimono zurecht und trat hinaus auf die Veranda. Es war wunderschön. In den Wasserpfützen, die sich auf dem sandigen Boden zwischen den Häusern gebildet hatten, spiegelte sich die Sonne und sie hörte bereits einige trillernde Stimmen der hier heimischen Tiere. Hier bedeutete auf diesem Planeten. Aisan I war sein Name. Einer der vier Planeten im System Schatzkammer. Das hatte sie von ihrem Vater gehört. Er hatte ihr erzählt dass es noch viel mehr Planeten gab und alle anders aussahen. Chiyako wusste, dass zwei der anderen Planeten in diesem Sektor Galreth Prime und Galreth Beta hießen, und dass sie sehr nahe beieinander lagen. Galreth Prime war ein Wüstenplanet. Wüste war heiß, in Wüsten gab es viel Sand. Das hatte zumindest ihr Vater behauptet. Chiyako selbst war noch in keiner Wüste gewesen. Der andere Planet, Galreth Beta hatte viele Ringe um sich herum, wie er auf der Oberfläche aussah, wusste sie aber nicht. Ihr Vater hatte ihr aber erzählt, dass die Ringe um den Planeten aus Staub und Steinen bestehen würden. Sie glaubte aber, dass ihr Vater gelogen hatte. Wie sollten schon der Staub und die Steine von dem Planeten hoch in den Himmel kommen?
Das Mädchen pustete sich einige ihrer langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht und ging dann wieder in ihr Wa****su – ihr Zimmer – hinein. Sie bückte sich und rollte den Futon, auf dem sie geschlafen hatte, zusammen, und verstaute ihn in einem kleinen Schrank, der in die Wand eingelassen war. Nun ging sie wieder auf die Veranda hinaus und schob hinter ihr die Fusuma – eine Schiebetür – zu. Chiyako schlüpfte in die Holzsandalen die sie vor ihrem Zimmer platziert hatte und ging unter der Veranda dem Haus entlang. Kaum hatte sie das Ende erreicht, kam ihr Yuuka entgegen.
»Oh, guten Morgen Chiyako-sama.«, begrüßte Yuuka sie überfreundlich.
»Morgen Blechbüchse.«, grüßte Chiyako grinsend zurück, wohl wissend dass Yuuka das nicht gerne hörte. Schließlich war sie kein Billigroboter sondern ein hochqualitatives Modell von General Robotics. Zumindest behauptete sie das immer wenn Chiyako sie so nannte.
»Chiyako-sama, ich habe Ihnen schon genug oft erklärt, dass ich keine Blechbüchse, sondern ein hochwertiges Produkt bin. General Robotics stellt nur hochqualitative Produkte her, wie zum Beispiel die APR-09 Modellreihe, der auch ich angehöre.«, ratterte sie voller Stolz hinunter.
»Was auch immer.«, meinte Chiyako nur und ging an Yuuka vorbei, die ihr darauf einfach folgte bis sie vor dem Dojo ankamen.
Der Dojo war ein großes, einstöckiges, ebenfalls aus hellem Holz gebautes Haus, das eine recht große Fläche einnahm. Chiyako zog ihre Sandalen vor dem Eingang ab und betrat den Trainingsraum barfuss. Wie es die Etikette verlangte verbeugte sie sich außerdem in Richtung des Shomen – eines Schreins auf der Vorderseite des Dojos – um damit rituell zu zeigen, dass sie sich dessen Regeln unterwarf. Dann trat sie auf die Tatami des Dojos. Über der Trainingsfläche war das Dach des Gebäudes auf die Seiten weggefaltet und somit fiel Sonnenlicht hinein, beleuchtete das innere des Dojos. Gleich am Rande des Trainingsfeldes stand ein kleiner Tisch, auf dem ihre Rüstung und ihre Shinai lagen. Chiyako ging jedoch nicht zum Tisch, sondern zur Mitte der Tatami-Matten wo ihr Kendolehrer, Toki Yatar, ein Argone mittleren Alters, schmächtig, mit hellem blonden Haar und ebenfalls sehr hellen Hautfarbe, bereits in voller Rüstung und mit seiner Carbon-Shinai in der Hand bereits stand. Sie stoppte am Rande der Tatami, die die Trainingsfläche ausmachten, und verbeugte sich kurz in Richtung ihres Lehrers.
»Guten Morgen Yatar-sensei.«, begrüßte sie den großen Mann höflich, was dieser mit einem Nicken und einer Geste der Hand in Richtung ihrer Ausrüstung quittierte.
»Guten Morgen Chiyako-sama. Bitte lege deine Rüstung an damit wir gleich anfangen können.«
»Hai.«, bestätigte sie nur unmotiviert. Chiyako ging zu dem Tischlein hinüber und nahm dort den Keiko-Gi, den man unter der Rüstung trug und der eigentliche Trainingsanzug war, ging damit hinter eine Stellwand die in einer Ecke des Dojos aufgestellt war. Nachdem sie sich umgezogen hatte, kam sie zurück zum Tischlein. Toki machte unterdessen Suburi – Übungen, zu denen kein Partner notwendig war. Aus den Augenwinkeln sah Chiyako wie er einen Jogeburi ausführte, ein großer, weit ausgeholter Schlag der auf die Knie des Gegners zielte. Sie konzentrierte sich nun wieder auf ihr Bogu – ihre Rüstung –, die sie sich anziehen sollte. In Gedanken ging sie kurz die Bestandteile durch: Men – Kopfschutz -, Kote – Schutz für Hände und Unterarme -, Do – Rumpfschutz -, Tare – Lendenschutz -, Tengui – Kopftuch - und natürlich ihre einfache Holz-Shinai. Alles da.
Nach einigen Mizuras stand sie bereit, die Shinai in der Hand, auf dem Trainingsfeld vor Toki. Hoffentlich würde sie nach diesem Training nicht so viele Blaue Flecken davontragen wie vom letzten.

Nach guten zwei Stazuras riss sich Chiyako erschöpft und luftschnappend den Men vom Kopf. Sie kniete auf den Tatami-Matten und musste sich auf den Oberschenkeln abstützen um nicht vornüber zu fallen. Sie hatte gerade eben wieder einen Do-Uchi, einen Hieb zur rechten Bauchseite, nicht rechtzeitig blocken können und war zu Fall gebracht worden. Der Schweiß tropfte mittlerweile nur so von ihr und sie spürte alle ihre Trefferzonen, die jeweils mehr als nur zwei oder drei Treffer empfangen hatten. Nun beugte sich auch Toki zu ihr hinunter, er hatte ebenfalls seinen Helm abgenommen, schwitzte allerdings nicht so sehr wie Chiyako.
»Ich denke wir beenden das Training für Heute, Chiyako-sama.«, meinte er und streckte sich.
Diese musste noch einige Male Luft holen, bis sie überhaupt ein Wort hinausbekam. »Ja – das denke – ich - auch.«, antwortete sie immer noch außer Atem. Dann verbeugte sie sich kurz im Knien, zwar nicht wirklich der Etikette entsprechend aber zu mehr war sie im Moment einfach nicht in der Lage, und lehnte sich zurück um sich hinter dem Rücken mit den Armen abzustützen. Toki Yatar verbeugte sich ebenfalls knapp und verschwand dann in Richtung Ausgang.
Nach einigen Mizuras hatte sie dann soweit Atem geholt, dass sie aufgestanden war und ihre Rüstung wieder auf dem Tischlein platziert hatte. Mit ihrem Kimono in der Hand, tapste sie nun zum Ausgang, zog dort ihre Holzsandalen an und ging in dem teilweise an ihrer Haut klebenden Keiko-Gi auf den staubigen Platz hinaus. Die Sonne stand nun hoch am Himmel, Chiyako schätzte die Zeit auf ungefähr Mittag. Ein erfrischender Wind blies nun sachte über das ganze Anwesen und ließ die Äste der Bäume leicht hin und her wiegen. Alles in Allem war es ein wunderschöner Frühlingstazura. Erschöpft schritt sie langsam über den Platz, einem großen Baum entgegen, der wunderschöne rosa-weiße Blüten hatte. Der Wind ließ kleine Stückchen dieses Baumes herumfliegen, zwirbelte und drehte sie, verteilte sie in alle Richtungen. Als Chiyako schließlich unter dem Baum stand und hoch schaute kam sie sich verschwindend klein vor. Nun erinnerte sie sich an den Namen des Baumes: Sakura-Baum, Kirschblütenbaum.
Als sie nach einiger Zeit an dem Anblick satt gesehen hatte, schaute sie sich weiter um. Gerade an dem Baum befand sich ein Außenbad, das zwar ziemlich trüb war, jedoch verlockend heiß dampfte. Das erinnerte Chiyako daran, dass ihr ja vor einiger Zeit erzählt wurde, dass dieses Anwesen direkt an ein Onsen – eine heiße Quelle – gebaut worden war. Damit hatte das Anwesen natürlich auch eines dieser traditionellen Badehäuser, die es in vielen argonischen Kolonien an Onsen gab. Viele Argonen glaubten nämlich an die heilende Kraft dieser Wasser, Chiyako selbst war sich dabei nicht so sicher.
Plötzlich hatte sie Lust ein Bad zu nehmen, all den Schweiß loszuwerden und sich entspannen zu können. Sie hievte sich langsam wieder auf und hüpfte, trotz ihrer Erschöpfung, aus purer Vorfreude, auf das Badehaus zu. Dort angekommen schlüpfte sie wieder aus ihren Sandalen und ging durch den Eingang für Frauen in das Haus hinein. Vor der folgenden Schiebetür deponierte sie ihre Sandalen und ging dann weiter in den Vorraum wo sie sich auszog und ihren Kimono auf einen Stuhl, ihre Trainingskleidung in einen Korb legte. Dann setzte sie sich auf einen niedrigen, hölzernen Hocker und wusch sich wie es zwingend vor dem eigentlichen Bad nötig war. Sie füllte ein kleines rundes Holzbecken mit Wasser und übergoss sich damit immer wieder, seifte sich sehr gründlich ein, schrubbte sich mit einem kleinen weißen Tuch äußerst gründlich ab. Chiyako tat das nicht wirklich gern, daher putzte sie sich wohl nicht so gut wie sie hätte sollen. Wenn ihre Eltern dabei gewesen wären, hätte sie das sicher nicht so tun können. Aber das war ihr jetzt verständlicherweise herzlich egal. Der Raum indem sie sich befand war in hellem, fein gemasertem Holz gehalten. Es gab einige Spiegel mit kleinen Ablageflächen davor an der linken Wand, der Boden war auch aus demselben Holz gefertigt. Viel mehr konnte Chiyako allerdings nicht erkennen. Zu dicht war der Dampf in diesem Vorraum, außerdem lief ihr vom Waschen auch immer wieder Wasser in die Augen – was sie nicht leiden konnte. Nach einiger Zeit stand sie auf und legte das weiße Tuch mit dem sie sich abgeschrubbt hatte auf eine der Ablageflächen und zog die nächste Schiebetür auf, die in einen weiteren Raum führte in dem sich das Innenbad befand.
Chiyako ließ sich ins heiße Wasser des Bades gleiten. Es war nicht sehr heiß, aber trotzdem immer noch genug heiß, dass sie bei der ersten Berührung zurückgezuckt war. Sie tauchte zweimal ein, setzte sich dann auf die niedrige Holzbank im Becken. Einem Erwachsenen würde das Wasser jetzt wohl nur noch bis zur Brust oder noch tiefer reichen, ihr reichte es bis knapp unters Kinn. Chiyako stellte sich vor, wie das heiße Wasser allen Dreck, Schweiß und alle Erschöpfung wegbrannte.

Erfrischt trat das kleine Mädchen auf die kleine hölzerne Veranda vor dem Badehaus. Sie war nun in einen frischen Yukata gehüllt, der sich sehr angenehm auf ihrer noch immer etwas feuchten Haut anfühlte. Ihre langen schwarzen Haare, die ihr bis knapp unter die Schulterblätter reichten, hatte sie in einem unordentlichen Knoten mit zwei Holzstäbchen an ihrem Hinterkopf befestigt. Zwei widerspenstige Strähnen hingen ihr jedoch immer noch halb ins Gesicht und kitzelten unangenehm. Verärgert pustete Chiyako gegen die Strähnen an, doch sie fielen jedes Mal wieder zurück in ihre ursprüngliche Position – in den Weg! Mit einer raschen Bewegung strich sie sich eine der Strähnen hinters Ohr wo sie dann auch schließlich blieb. Die andere Strähne beschloss sie zu ignorieren, da diese kürzer war und sich somit nicht hinters Ohr streichen ließ.
Chiyako streckte ihre kleinen Arme links und rechts von sich und atmete zwei Mal langsam tief ein und wieder aus. Dann hüpfte sie gut gelaunt und wieder bei Kräften von der Veranda auf den Boden hinunter. Plötzlich bekam sie Lust die kleinen Koi zu besuchen und so beschloss sie, einen Umweg durch die Gärten zu machen. Es war kein großer Umweg, die Gärten befanden sich gerade hinter dem Badehaus, trotzdem würden sich wohl ihre Eltern wundern, wo sie denn so lange bleibe. Im Garten gab es viele Versteckmöglichkeiten. Ihre Eltern würden Chiyako nicht finden, bevor sie selbst zurückgehen wollte, beschloss das kleine Mädchen und nickte ernst.
Die Gärten waren recht groß. Zwar nicht so groß wie der große Platz zwischen den Häusern, doch trotzdem. Groß waren sie. Wenn man erst einmal die niedrige, über und über bewachsene Steinmauer durch eine Öffnung hinter sich ließ, kamen einem die Gärten viel größer vor, als wenn man sie von außen anschaute. Warum, wusste Chiyako nicht und es interessierte sie auch nicht. Was sie als erstes tat wenn sie die Gärten betrat, war, tief einzuatmen. Die Luft hier roch nach vielen Blüten und anderen wohlschmeckenden Gerüchen. Man hatte das Gefühl plötzlich in einer Traumwelt zu sein. Die niedrige Steinmauer konnte man unter den Büschen und Pflanzen nicht erkennen. Vor ihr erstreckten sich kleine, holprige Kieswege, moosbewachsene Hügelchen und Steine, kleine, in allen Farben blühende Büsche, Sträucher und natürlich Blumen. Wenn man genau hinhörte, konnte man das Plätschern eines kleinen Baches aus dem leisen Säuseln des Windes heraushören.
Fröhlich hüpfte Chiyako nun bei jedem zweiten Schritt und passierte schnell roh behauene Steinquader, gelb, rot und orange blühende Büsche und Bäume, darunter ein Baum, der lange, spitze Nadeln anstelle von Blättern trug und der neben einer herrlich weiß und rosarot blühenden Sakura stand. Diese war zwar nicht so groß wie die beim Onsen aber genauso prächtig. Die beiden Bäume, erinnerte sich Chiyako, hatten auch eine besondere Bedeutung, wenn sie nebeneinander standen, diese hatte sie allerdings vergessen.
In Gedanken versunken hatte sie mittlerweile, ohne es zu merken, ihren Gang verlangsamt und schlenderte nun den verschlungenen Pfad entlang zwischen gelb blühenden, niedrigen Büschen. Sie trat nun auf ein kleines Schotterplätzchen hinaus an dessen linken Rand sich eine grob behauene steinerne Sitzbank befand, die förmlich dazu einlud sich auf ihr niederzulassen und die wunderschönen, wohlgepflegten Gärten auf sich einwirken zu lassen. Wenn man genau hinschaute, konnte man nämlich immer wieder kleine und kleinste Details, die alle sorgfältig angeordnet in Beeten und auf moosbewachsenen Steinen platziert worden waren, erkennen.
Was Chiyako allerdings weitaus interessanter fand und auch sofort darauf zuging, war der kleine Teich links des Plätzchens in den, von rechts plätschernd, frisches Wasser aus einem kleinen Bächlein hineinfloss. Schnell ging sie zu dem malerischen, am Rande von großen, herzförmigen Blättern und wunderschönen weißen und rosafarbenen Blumen bewachsenen Teich hinüber und bückte sich weit vor. Im etwas trüben Wasser erkannte sie nichts, daher ging sie am Teichrand in die Hocke und streckte ihre rechte Hand in den Teich, rührte ein wenig mit ihren Fingern, sodass es leicht plätscherte und sich hübsche Kreise auf der Oberfläche des Wassers bildeten. Gespannt blickte das junge Mädchen auf den Teich. Sogleich erblickte Chiyako unter der Wasseroberfläche einen orangenen Schimmer, der rasch deutlicher wurde und schließlich die Gestalt eines Fisches annahm. Daneben tauchte auch bald ein Zweiter und Dritter Schimmer auf – ein gelber und ein roter. Und weiter ging es bis insgesamt sieben dieser länglichen Fische um Chiyakos Hand herumschwammen. Die Augen des Mädchens strahlten förmlich und sie kicherte begeistert als einer der Koi an ihrem Finger knabberte. Es war der größte der sieben, ein silberner mit roten Flecken an Kopf und Schwanzflosse. Chiyako mochte ihn am meisten.
»Tut mir Leid, aber ich habe kein Essen für euch.«, meinte das Mädchen entschuldigend zu den Fischen. Diese schwammen jedoch nur weiter verständnislos um ihre Hand herum. Dumme Fische. Dachte sich Chiyako und grinste. Dann stütze sie sich auf ihren Knien ab und stand auf. Kurz schaute sie noch auf den Teich hinunter, dann drehte sie sich – und lief genau in die Arme von Yuuka.
»Chiyako-sama, es ist Zeit dass Sie sich zurück begeben. Ihre werten Eltern warten schon auf Sie.«, erinnerte sie die Dienerin des Hauses mit einer künstlich modulierten Stimme. Chiyako war so überrascht von dem plötzlichen Auftauchen des Roboters, dass sie fast rückwärts in den Teich gefallen wäre. Nach ein paar Sezuras in denen sie die geduldig wartende Yuuka wortlos angestarrt hatte, entschloss sie sich zu der einzig möglichen Entscheidung die ihr in diesem Moment vernünftig erschien: Die Flucht!
Schnell wollte sie sich zur Seite hin davonmachen, doch ehe sie dazu kam hatte Yuuka schon den Yukata des Mädchens gepackt und somit war jeder Gedanke an Flucht verschwendet. Ein erstickter Laut als der Kragen ihres Yukatas ihr die Luft abschnitt war das letzte was man noch von dem Mädchen hörte, dann ergab sich Chiyako – wenn auch schmollend – ihrem Schicksal und ging, dicht gefolgt von Yuuka, zurück in Richtung der Gebäude.

enenra
01-08-2008, 11:52 AM
Ein weiteres Kapitel, ausserdem einige Formattechnische Änderungen.

Weiterhin empfehle ich immer noch den Download anstelle der hier kaputten Formatierung. Das PDFs ist jetzt so hochgeladen, dass es online eingesehen werden kann. :)
3
Die Söldnerin

„Es gibt kein Gut oder Böse. Alles ist abhängig
von der Sichtweise des Betrachters.“
Jason-Kai Johnson, argonischer Pirat

T097::M02::J766

Nach ungefähr einer Stazura war der Aufstand schon in vollem Gange. Tomes und Rin folgten Tomilos' Kämpfern mit ein wenig Abstand durch die Korridore der Station. Der bunt zusammengewürfelte Haufen aus Piraten und einem professionellen Söldner als Anführer traf nicht auf nennenswerten Widerstand. Wenn, wurde er dank der überlegenen Bewaffnung meistens schnell überwunden. Dabei machte es gar nichts aus, dass die meisten der Gruppe kaum gerade schießen konnten. Mit einem Repetiergewehr musste man nicht zielen können – den Abzug zu betätigen reichte völlig. Langsam näherten sie sich der Kommandozentrale. Oder zumindest dem, was in einer Piratenstation am meisten der Funktion einer solchen entspricht. Dort hielt sich nach den aktuellsten Informationen auch der Don des Shinai-Clans auf und konsumierte mit seinem Kommandopersonal die Reste der letzten Raumspritlieferung, von der der übrige Clan nie etwas gesehen hatte. Scheinbar hatten sie noch nichts von dem Aufstand mitbekommen. Vielleicht waren sie aber einfach auch im Moment nicht aufnahmefähig genug, die Situation, in der sie sich befanden, zu begreifen.
Wieder Schüsse, wieder eine Wache, die zuckend vornüber kippte und liegen blieb. Als Tomes und Rin einige Sezuras später an dem Argonen vorbeispazierten, blieb Rin kurz stehen und nahm den Strohhalm ihres Getränks, an dem sie schon die ganze Zeit nuckelte, aus dem Mund und rüttelte mit dem Fuß leicht am Körper des Argonen, wobei dessen Mund aufging und eine kleine Wolke Rauch entließ, welche Rin, die über ihm stand, entgegenflog.
»Bäääh! Hast du denn keine Manieren?« - sie kickte den Toten in die Seite, sodass er gegen die Wand, an der er gelegen hatte, stieß - »Kein Wunder dass die nichts taugen! Der hat nicht gerade wenig Raumkraut intus!« Mit diesen Worten schloss sie wieder zu Tomes auf, der noch einige Schritte weitergegangen war, bevor auch er angehalten hatte, um Rin zu beobachten.
»Das haben unprofessionelle Wachen eben so an sich.«, antwortete Tomes leicht entnervt, drehte sich und beschleunigte seine Schritte ein wenig um wieder zu der Gruppe aufzuschließen.
»Hey, warte auf mich! Geh nicht einfach so davon!«, rief ihm Rin empört nach, griff sich Tomes' Hand und verlangsamte ihn ein wenig, »So ungeduldig... Hast du es so eilig, deinen Kopf in eine Schießerei zu stecken?«
Tomes lachte kurz freudlos auf.
»Ha! Sagt gerade die richtige! Ich habe nur keine Lust mich alleine irgendwo durchzuschlagen, wenn wir den Anschluss verlieren.«
»Ich bin doch da! Ich werde auf dich aufpassen!« Rin klammerte sich plötzlich mit beiden Armen an Tomes' rechten Arm. Erstaunt warf er einen kurzen Blick zu Rin. Wie konnte sie sich nur einem Fremden gegenüber so verhalten? Sie kam ihm immer mehr wie ein Kind vor, das in einem Körper eines Erwachsenen steckte.
Naja, dachte Tomes, wahrscheinlich ist sie nicht einmal so viel älter als ich. Maximal ein Jazura. Bei diesem Gedanken stellte er auch fest, dass er einen guten halben Kopf größer war als sie. Sie sieht wirklich nicht wie eine Sai-Söldnerin aus. Bei diesem Gedanken stellte er auch fest, dass ihr Reiatsu, das ihm bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen war, verschwunden war. Wenn sie jetzt nicht eine Katana bei sich hätte, wäre sie wohl als Zivilistin durchgegangen.
Tomes wurde in seinen Gedanken jäh unterbrochen, als Schüsse durch den Gang fegten, in den Tomolis' Kämpfer soeben abgebogen waren. Schüsse begleitet von Schreien. Schreien in den Stimmen der Mitglieder des Trupps. Sofort veränderte sich Rins Verhalten. Auf ihrem vor einer Sezura noch freundlichen, immer lachenden Gesicht war nun keine Emotion mehr zu sehen. In der Zeit, die Tomes benötigte um seine beiden Projektilwaffen zu ziehen, zog sie ihre Katana aus der Saya – der Schwertscheide - und presste sich an die Wand des Korridors. Nur wenige Augenblicke später war Tomes auch neben ihr an der Wand, hatte seine Pistolen auf Kopfhöhe erhoben. Keiner der beiden bewegte sich, beide sprachen kein Wort. Als der Lärm im Gang mir einem letzten Schuss vorüber war, hörte man kurz nichts mehr, dann war ein regelmäßiges Klacken zu hören.
Klack, Klock. Klack, Klock. Klack, Klock.
Es kam immer näher. Tomes spannte sich an, bewegte sich langsam rückwärts wo eine weitere Abzweigung war. Das würde ihr Fluchtweg sein, falls sich die Situation als zu gefährlich herausstellen sollte. Rin tat vor ihm dasselbe, bewegte sich langsam der Wand entlang zurück. Das Klacken war nun ganz Nahe. Tomes wusste, dass dies kein Geräusch von Stiefeln war, die auf den Boden auftraten. Dies war das Geräusch, das ein Roboter machte, wenn seine metallischen Glieder auf das dreckige PDD des Metallbodens trafen.
Jetzt trat der Roboter in den Korridor indem sich auch Rin und Tomes befanden. Zuerst sah man nur ein skelettartiges Bein, schwarz, bedeckt mit roten Panzerplatten. Dann Hüfte und Oberkörper, Kopf. Der Roboter hatte eine abschreckende Gestalt. Geformt wie ein argonisches Skelett, am ganzen Körper schwer gepanzert mit roten Panzerplatten. Darunter schwarze, leichtere Panzerung. Ein Kopf dessen oberer Teil an einen argonischen Totenschädel erinnerte, schwarze Augenhöhlen rundherum wiederum rote Panzerung. Eine kleine rechteckige Öffnung wo der Mund eines Menschen gewesen wäre – der Vokabulator. Einige weiße Markierungsstreifen über den Körper, viele Kratzer und Schrammen. Drei, immer noch leicht rauchende Einschusslöcher auf der Brustplatte, ein Zeichen der nutzlosen Gegenwehr der Piraten. In der Hand ein Sturmgewehr, das der Roboter mit einem aufblitzen seiner rot-glühenden Sensoraugen nun hob. Er betätigte den Abzug.
Das nächste, an das sich Tomes erinnern konnte, ist, wie er schlitternd in einem Seitenkorridor zu halten kam und sich wieder an die Wand presste. Ihm gegenüber Rin, die ihre Katana in beiden Händen hielt.
»Rückzug. Irgendwohin wo wir kurz Ruhe haben.«, wies Rin Tomes an und spähte den Gang hinunter, wo bald wieder die rote Gestalt auftauchen würde.
Tomes versuchte sich angestrengt an ihre Route zu erinnern, die sie hierher geführt hatte.
»Ein wenig da hinunter, da hinten sollte ein kleiner Lagerraum sein.«, antwortete er nach ein paar Sezuras und sprintete ohne ihre Antwort abzuwarten in die genannte Richtung.
Tatsächlich erreichten sie nach ein paar Augenblicken einen kleinen Lagerraum. Nachdem sie die Tür verschlossen und sich hinter ein paar Kisten zurückgezogen hatten, wandte sich Tomes an Rin.
»Das ist ein SR-02 von Argonia Security Systems. Keine Ahnung wie die an so ein Modell herangekommen sind, aber dieser Sicherheitsroboter ist nicht mit den bekifften Wächtern von vorhin zu vergleichen.«
Rin, die sich in der Hocke auf die Saya stützte, verzog missbilligend das Gesicht.
»Das brauchst du mir nicht zu erklären - habe ich selbst auch festgestellt. Wenn ich nicht auf dich aufpassen müsste, könnte ich es mit zehn dieser Skelette aufs Mal aufnehmen. Hier.« Sie reichte Tomes die Schwertscheide hinüber und hielt ihre Katana gerade vor sich hin, betrachtete sie kurz. Die Klinge war aus blankpoliertem Material, spiegelte ziemlich stark. Der Griff schwarz und mit einem dunkelgrauen Band eingewickelt. Rin stand auf und ging zur Tür hinüber, stellte sich neben den Türrahmen an die Wand und erhob die elegante Klinge, mit beiden Händen haltend, bis rechts neben ihr Gesicht.
»Wehe die Saya hat danach auch nur einen Kratzer.«
Tomes wollte gerade etwas erwidern als die Tür auffuhr und Strahlen über ihm in die PDD-Wand einschlugen, Funken sprühten. Er duckte sich hinter den Kistenstapel, spähte zwischen zwei Kisten hindurch. Er sah, wie Rin sich mit ihrer Katana duckte, in die Hocke ging. Durch die Tür sah er außerdem den SR-02, wie er beständig auf Kistenstapel und alles in Sichtweite einschoss. Rin hatte er aber noch nicht entdeckt, da sie sich nicht in seinem Sichtfeld befand.
Plötzlich stellte der Roboter sein Feuer ein und kam langsam näher, bis in den Türrahmen. Weiter kam er nicht, denn plötzlich fuhr Rin herum, immer noch geduckt. Ihre Katana schnitt durch die Luft, so schnell dass man sie kaum sehen konnte. Der Roboter fiel vornüber, seine Beine auf Kniehöhe abgetrennt. Sofort drehte sich die Söldnerin in einer geschmeidigen Bewegung unter dem fallenden Roboter hervor. Wieder auf den Beinen sauste die Klinge auch schon wieder nach unten, trennte beide Arme auf der Höhe der Ellbogen ab, dreht sich und schnitt mit der Klinge wieder nach oben, von unten mitten durch den Kopf des Roboters. Das alles geschah in kaum drei Sezuras und Tomes musste sich unwillkürlich fragen, ob die lachende Rin vor fünf Mizuras und die tödliche Killerin, die nun vor ihm stand, wirklich ein und dieselbe Person waren. Der funkensprühende Haufen Metall, der nun halb im Lagerraum, halb im Gang lag und kaum mehr als Sicherheitsroboter zu erkennen war, schien es auch nicht recht glauben zu können.
Tomes brauchte einige Sezuras um sich von dem Kampf zu erholen – obwohl er nur Zuschauer gewesen war. Adrenalin rauschte immer noch durch seinen Körper, ließ ihn leicht Zittern. Das Zittern konnte er jedoch nicht alleine dem Adrenalin zuschreiben. Er spürte es wieder, dieses Gefühl die Spitze der Nahrungskette direkt vor sich zu haben. Langsam stand Tomes wieder auf, nahm Rins Saya vom Boden auf und ging zu ihr hinüber. Diese schaute ihn einen Moment lang nur schräg an, dann nahm Rin sie entgegen und ließ ihre Katana in einer anmutigen Bewegung hineingleiten. Kurz schien sie noch in Gedanken versunken, dann schlug sie ihm plötzlich ohne Vorwarnung fest in den Bauch.
»Ha! Ich habe gesagt keine Kratzer! Du bist auch für nichts zu gebrauchen!« Breit grinsend stand sie nun wieder vor Tomes, der Luft holen musste, da ihm der Schlag alle Luft aus der Lunge getrieben hatte.
»Uhh. Ich sehe da keinen Kratzer...«, protestierte Tomes sich den Bauch haltend.
»Ach, nicht? Egal. Ich hatte einfach gerade Lust, dich zu schlagen.« Rin streckte Tomes kurz die Zunge heraus, dann ging sie einfach davon.
Tomes, immer noch ziemlich perplex, folgte ihr und beschloss, nicht weiter auf ihre Aktion einzugehen. Er wusste, dass es sinnlos wäre. Sie hatte es vermutlich schon wieder vergessen.
Rin drehte sich noch einmal um als Tomes immer noch einige Längen hinter ihr war und lachte ihn an.
»Komm schon, Baka! – Idiot«

In den nächsten Stazuras wurde die Übernahme durch die neue Clanführung über die Bühne gebracht. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die SR-02 –Einheit die letzte Verteidigungslinie vor der Kommandozentrale dargestellt hatte, war der Rest keine große Sache mehr gewesen. Tomes befand sich nun mit Tomilos, Rin und dem neuen Personal in der Kommandozentrale und überwachte den ganzen Datentransfer. Tomilos wuselte hin und her, überprüfte hier etwas, gab da Anweisungen. Schließlich, nachdem sich die Lage ein wenig beruhigt hatte und alles wichtige erst einmal erledigt war, kam er zu Rin und Tomes, die schweigend in der Nähe der Tür Position bezogen hatten.
»Wirklich gute Arbeit vorhin, werte Kollegen. Der Verlust meiner Männer war zwar nicht optimal – dafür wird esss auch eine kleine Honorarkürzung geben - , der Auftrag zur Übernahme wurde jedoch ausgeführt.« Die Echse wendete sich an Tomes. »Sssie haben freiwillig mitgeholfen, Kollege. Ich nehme an Sssie wissen, dasss Sssie keinerlei Entsschädigung oder Belohnung erhalten.«
Tomes, der nichts anderes erwartet hatte, nickte nur und zog sein Datapad hervor.
»Ich habe noch einen weiteren Handel vorzuschlagen. Da ich gehört habe, dass einer der Gründe für meine Waffenlieferung hierher Raumspritmangel ist, habe ich nebst den Waffen noch eine Ladung verschiedenster hochprozentiger Getränke mitgebracht. Ich nehme an, Sie werden den gut gebrauchen können – eine Feier zur Übernahme und Steigerung der Moral ist immer gut.«
Rin lachte auf und legte Tomes eine Hand auf die Schulter.
»Hmm. Und ich dachte, du seist für nichts zu gebrauchen. Scheinbar liegen deine Talente einfach in einem anderen Bereich.«
Tomes würdigte sie keines Blickes, sein Blick verfinsterte sich jedoch trotzdem. Rin grinste nur noch breiter.
Die Echse machte durch kurzes aufplustern der Nüstern wieder auf sich aufmerksam.
»Nun, dasss scheint mir doch eine ganz gute Gelegenheit unsere Vorräte aufzufüllen. Bitte lassen Sssie mich doch die Detailsss überprüfen, Kollege.«, zischelte der Teladi, hielt Tomes seine Klaue entgegen. Tomes gab ihm sein Datapad mit angezeigten Waren- und Transferinformationen um den Handel zu bestätigen. Nach einer halben Mizura schien der Teladi zufrieden und drückte seine Klaue auf den Bildschirm, um den Handel seinerseits zu bestätigen, reichte Tomes sein Datapad zurück.
Tomes drückte nach einer kurzen Überprüfung der Daten selbst seine Handfläche auf den Bildschirm. Damit war der Handel von beiden Seiten bestätigt. Nun würden sich die Frachtbots der Piratenbasis daran machen, die Ladung Raumsprit zu löschen. Tomes deutete eine kurze Verbeugung zu Tomilos an.
»Es war mir eine Freude mit Ihnen zu Arbeiten. Bitte nehmen Sie die Dienste der Arbalest Inc. Bald wieder in Anspruch.«
Die Echse deutete ebenfalls eine Verbeugung an, was allerdings viel weniger elegant aussah.
»Die Freude liegt auf meiner Ssseite. Unsere Zusammenarbeit war äußerst profitabel, ich hoffe sssehr, dasss einesss Tazurasss wiederholen zu können. Die Arbalest Inc. wird hier immer willkommen sssein.« Mit diesen Worten ging Tomilos zurück in den inneren Teil der Kommandozentrale.
Tomes schaute ihm noch kurz nach, wollte sich dann von Rin verabschieden. Diese war jedoch nicht mehr am Ort, an dem sie sich vorhin befunden hatte, sondern stand schon im Türrahmen und sprach leise zu ihrem Infoarmband. Das Gerät projizierte ein kleines Hologramm über ihr Handgelenk. Tomes konnte von seinem Standpunkt aus nicht erkennen, welcher Rasse ihr Gesprächspartner angehörte, auch nicht wie er aussah. Als er näher kam beendete sie ihr Gespräch aber jedoch schaute ihn dann kurz nachdenklich an. Plötzlich drückte sie sich heftig von dem Türrahmen, an dem sie gelehnt hatte, weg und Tomes entgegen.
»Endlich fertig? Mir wurde es zu schleimig da drüben!«, rief sie mit gewohnt ausgelassener Laune, »Komm, gehen wir!«
Tomes, der einerseits leicht verärgert, andererseits auch amüsiert über ihren Kommentar war, reagierte nicht gleich.
»Das nennt sich höflicher Umgang mit Kunden und ist ein notwendiges Übel.«
»Was auch immer. Komm schon!« Rin griff sich Tomes' Hand und zog ihn hinter sich her. Er war scheinbar für ihren Geschmack zu langsam.
Der ließ es über sich ergehen und leistete keinen weiteren Widerstand. Tomes folgte Rin, die scheinbar auch in Richtung Docking-Halle unterwegs war. Mit der freien Hand nahm er sein Datapad hervor und überprüfte den Status der Ladung: Die Frachtbots waren schon beinahe fertig mit dem Entladen. Zufrieden navigierte er weiter, rief seinen Kontostand auf – um eine satte Summe gestiegen. Tomilos hatte eine stattliche Stange Credits für die Ladung bezahlt und obwohl Tomes sie auf Tortuga auch nicht gerade billig gekauft hatte, war der Gewinn immer noch exzellent. Jetzt bemerkte Tomes auch, dass er eine Nachricht von Miu bekommen hatte. Scheinbar war während seiner Abwesenheit eine Anweisung von Joka eingegangen. Tomes rief sie mit einem tippen auf das Symbol auf, und nach einem kurzen Flackern war die kurz gefasste Nachricht auf dem Bildschirm zu sehen. Sie beinhaltete nicht viel mehr als sein nächstes Ziel: Ianamus Zura. Von dort aus sollte er dann ein Linienschiff nach Wolken der Atreus nehmen. Weitere Informationen würde er später erhalten. Tomes lächelte. Es würde wohl eine wichtige Mission werden, ansonsten hätte Joka erst ein umfangreiches Datenpaket vorbereitet und es ihm mit den Missionsdaten zugeschickt. Dass er das erst noch tun würde, sprach dafür dass sie so schnell wie möglich ausgeführt werden musste und dass er daher nicht genug Zeit gehabt hatte um ein Datenpaket vorzubereiten.
Rin schaute ihn von der Seite mit kindlicher Neugier an.
»Was gibt’s da?«
»Ach... nichts. Nur mein nächster Auftrag.«
»Ah.«, machte Rin verständnisvoll und nickte kurz.
Sie hatten mittlerweile die Docking-Halle erreicht und standen nun auf der Plattform, an der sich der Dockingtunnel der Phoenix befand. Rins Schiff musste also auch hier gedockt sein. Wahrscheinlich war sie nach ihm hier angekommen. Also müsste hier noch ein dritter Dockingtunnel sein. Tomes schaute an die entsprechende Stelle, doch dort war keiner. Er ließ seinen Blick hinüber zum schrottreifen teladianischen Frachter schweifen, der in der anderen Bucht angelegt hatte. Das konnte ja wohl nicht ihr Schiff sein. Wie war sie denn nun hierher gekommen?
»Ja, da wären wir. Das ist mein Schiff. Aber wie willst du denn von hier wegkommen?«, fragte Tomes nachdem sie den Dockingtunnel der Black Phoenix erreicht hatten.
Rin schaute peinlich berührt auf den Boden und wippte leicht vor und zurück, wie ein kleines Mädchen, das bei etwas unartigem erwischt wurde.
»Nun, ehrlich gesagt... hatte ich gehofft, dass du mich mitnehmen könntest...« Gab sie schließlich zu. Als sie den überraschten Gesichtsausdruck von Tomes sah, fügte sie schnell hinzu »Nur kurz, ehrlich! Du musst mich nur nach Ianamus Zura bringen.«

Ja, so war es gewesen, erinnerte sich Tomes. Mittlerweile waren sie seit einem halben Tazura unterwegs und bereits im System Ianamus Zura angekommen. Rin hatte ihn überreden können sie mitzunehmen - sie hatte einfach alle Einwände seinerseits ignoriert. Dann hatte sie darauf bestanden eine Kabine direkt neben seiner zu beziehen, war ihm aber in seine gefolgt und hatte sich einfach auf sein Bett geworfen. Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wäre sie nicht sofort eingeschlafen und nicht mehr aufzuwecken gewesen. Für Tomes hatte das schließlich bedeutet, auf einem Sessel zu schlafen. Wenn man das als schlafen hätte bezeichnen können. Rins Schnarchen konnte man nämlich ohne Probleme mit der Lautstärke eines amoklaufenden, besoffenen Splits vergleichen. Tomes hatte, als er es nicht mehr ausgehalten hatte, entnervt den Rückzug auf die Schiffsbrücke angetreten und noch einige Stazuras Schlaf auf dem Kommandosessel nachgeholt. Seit einer halben Stazura konnte er allerdings kein Auge mehr zu tun. Also überprüfte Tomes die Instrumente gründlich, ließ das Gravidar rekalibrieren und, gegen ein kleines Entgeld an die lokalen Nachrichtensender, sich die neusten Nachrichten zuschicken. Tomes las gerade einen Bericht von IRG über die neu eingeführten Unterklassen bei den Kleinraumtransportern. Der Text triefte nur so von Lobgesang für die neuen Schiffe – wie man es sich von Werbebroschüren gewohnt war. Tomes würde die seriöseren Testberichte abwarten müssen, bis er ein Urteil darüber fällen würde. Plötzlich blinkte ein Symbol auf seinem holografischen Display, das Symbol für eine eingehende Nachricht.
»Ich empfange soeben eine Nachricht von LooManckStrats Vermächtnis. Im Anhang ein umfangreiches Datenpaket. Scheinbar die genaueren Anweisungen für den Auftrag.«, meldete sich Miu.
»Na endlich. Blende es bitte da rechts ein.«, antwortete Tomes schnell, setzte sich gerade hin und wischte die Hologramme, in denen er zuvor gerade gelesen hatte, mit einer Handbewegung weg. Das Datenpaket stammte wirklich von Joka und beinhaltete, wie von Tomes vorhergesagt, umfangreiche Informationen über sein Einsatzgebiet und seinen Auftrag.
Nach einigen Mizuras, die Tomes für die Sichtung der wichtigsten und missionsrelevanten Daten benötigte, lehnte er sich nachdenklich zurück. Der Auftrag bestand im Wesentlichen aus einem Sabotageeinsatz. Jedoch kein Normaler. Der Sabotageeinsatz sollte nämlich mitten in Kriegsgebiet stattfinden. Olmancketslats Vertrag - ein Sektor recht tief im Piratengebiet. Schon seit einigen Jazuras tobte dort ein Bürgerkrieg zwischen den Regierungen der Südlichen Kontinentalen Staaten, welche hauptsächlich aus Split und Paraniden bestand, und der Allianz Freier Staaten, welche wiederum hauptsächlich aus Teladi und Argonen bestand. Die SKS hatte offenbar Hilfe von der Split-Familie Chin erbeten. Diese hatte zugestimmt und ein Kontingent Bodentruppen in den Sektor entsandt. Da die Split normalerweise nicht so breitwillig Bodentruppen versenden, vermutete man, dass die Split diese nur schickten, damit sie Kampferfahrung sammeln können. Die AFS auf der anderen Seite besaß die Ressourcen um ein eigenes Söldnerheer anzuwerben, was sie auch taten. Tomes' Mission war eine von der AFS in Auftrag gegebene: Er sollte sich in Bala Gi’s Freude einem Kommandotrupp aus verschiedensten Söldnern anschließen und dann einen Einsatz auf den Planeten durchführen. Der Einsatz bestand darin, einen Planetaren Schildgenerator der SKS außer Betrieb zu setzen – sprich hochzujagen – damit die AFS das Gebiet unter Beschuss nehmen konnte. Der Einsatz würde weit hinter den feindlichen Linien stattfinden, sie wären also komplett auf sich gestellt. Einer dieser berüchtigten Suizideinsätze also – fürstlich bezahlt, da man sowieso nicht damit rechnete, dass mehr als die Hälfte des ausgesandten Kommandotrupps wiederkam, um die Belohnung einzustreichen. Tomes würde die Phoenix auf Ianamus Zura zurücklassen und eine Fähre zu einem Linienschiff nehmen müssen, das mit einem Sprungantrieb ausgerüstet war und nach ein paar anderen Stationen auch in Wolken der Atreus halt machen würde. Dort würde er dann ein Schiff mieten um nach Bala Gi’s Freude überzusetzen. Ein Langzeiteinsatz also.
Tomes ließ die Hologramme erlöschen und stand langsam auf, streckte sich und gähnte. Mit den Details würde er sich später befassen. Jetzt würde er sich erst einmal eine Mahlzeit zubereiten lassen.
Und noch eine für Rin, fügte er in Gedanken hinzu.
Tomes verließ die Brücke und ging den Gang entlang an seiner Kabine vorbei. Dann bog er in einen Seitengang ein und drückte auf den grau umrandeten Öffnungsschalter einer Tür. Die zwei Paneele der Tür schoben sich sofort und unhörbar zur Seite, Tomes trat ein. Er befand sich nun in einer kleinen Küche, die so sauber wie der Rest des Schiffes war. Nichts stand herum, alles war in Staufächern untergebracht. Der Küchenbot befand sich an seiner Ladestation. Tomes ging zu dem farblich in die Küche passenden Bot hinüber und drückte auf einen Knopf auf der Seite des Roboters. Sofort leuchtete das Sensorauge hellblau auf und projizierte ein Hologramm vor Tomes in die Luft. Die Speisekarte – reichhaltig aber nicht protzig. Tomes wählte zweimal ein gemischtes Morgenessen, bestehend aus Brötchen, Milch, Ordano Saft und Brotaufstrich.
»Bring es in meine Kabine.«, wies ihn Tomes dann noch an und machte sich auf den Rückweg um Rin zu wecken und sich umzuziehen.
Als er die Kabine betrat, war Rin nirgends zu sehen. Ihre Katana war an die Wand gelehnt, sie musste also schon aufgestanden sein. Tomes ging zu einem in die Wand eingebauten Staufach hinüber und entnahm frische Kleidung, legte sie auf das Bett. Er bemerkte das leise Geräusch von fließendem Wasser aus dem Bad, welches direkt an seine Kabine grenzte. Er schloss daraus, dass Rin wohl gerade duschte. Wer hatte ihr eigentlich erlaubt, diese zu benutzen? Klar, Tomes hätte es ihr nicht verboten – sie hätte sich sowieso nicht daran gehalten - aber fragen hätte sie trotzdem können. Tomes nahm nun die Holster ab, indem er die paar magnetischen Schnallen löste, mit denen sie an seinen Hosen befestigt waren. Dann legte er sie neben die frischen Kleider auf das Bett und zog sich um. Kaum war er damit fertig, kam auch schon Rin, eingewickelt in ein Badetuch, aus dem Badezimmer. Das Badetuch war recht lose, stellte Tomes unwillkürlich fest. Andererseits auch nicht denn ihre beträchtlichen Kurven hielten es ganz gut an Position. Mit dem Kampfanzug, den sie vorhin getragen hatte, war das lange nicht so zur Geltung gebracht worden wie jetzt. Was bewirkte, dass es nun umso mehr ins Auge stach. Rin strahlte, als sie Tomes sah.
»Guuten Mooooorgeeeen!«, rief sie ausgelassen wie eh und je, setzte sich auf den Rand des Bettes.
Tomes schaute sie kurz schräg an, drehte sich dann aber schnell ab und sammelte seine Kleider zusammen, trug sie hinüber zu einem gegen oben aufklappbaren Fach in der Wand und stopfte alles hinein. Oberhalb des Fachs leuchtete kurz eine blass hellgrüne Fläche auf. Der Bot der hier in die Wand eingebaut war, würde sich nun um die Wäsche kümmern.
Rin, die den kurzen Blick Tomes’ bemerkt hatte, stützte ihre Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und legte ihr Kinn auf ihre Hände.

»Was ist los? Noch nie eine Frau gesehen?«, fragte sie neckend und lehnte sich noch extra weit nach vorne.
»Normalerweise sehe ich sie angezogen.«, antwortete Tomes, der zwar genau wusste, was Rin gemeint hatte, aber keine Lust hatte, weiter darauf einzugehen. Als er sich vom Bot umdrehte und Rin sah, konnte er seinen Blick kurz nicht lösen. Mit einer überwältigenden Kraftaufbietung schaffte er es dann jedoch und ging zum Bett hinüber, nahm sein Holster auf und begann es anzuschnallen. Von ihr abgewandt verzog er genervt das Gesicht. Wahrscheinlich hatte er mit seiner Reaktion Rin nur bestätigt.
In diesem Moment trennten sich die Paneele der Tür und der Küchenbot schwebte in die Kabine. Je ein Tablett auf einer der Ablageflächen, schwebte er zum kleinen Tisch in der Kabine hinüber und richtete seine Ladung darauf an.
Rin, die nach der Reaktion Tomes’ nur noch breiter grinste, ging zu einer Tasche, die ebenfalls an die Wand gelehnt war, hinüber und entnahm ihr einige Kleidungsstücke. Die Tasche hatte sie vor dem Abflug von der Piratenstation plötzlich in der Hand gehabt, Tomes wusste immer noch nicht wo sie sie die ganze Zeit deponiert gehabt hatte.
»Ich ziehe mich eben an. Sonst könntest du dich wohl kaum auf das Essen konzentrieren.«, lachte sie und drehte sich um, ging in Richtung Badezimmer. Tomes schaute ihr verärgert nach, was Rin nutzte und auf halbem Weg das Badetuch ganz abnahm.
»Könntest du wohl endlich damit aufhören?«, rief ihr Tomes entnervt nach und setzte sich an den Tisch.
Rin schaute nicht zurück, antwortete auch nicht, aber Tomes wusste, dass sie nun ein noch breiteres Grinsen im Gesicht hätte. Falls das überhaupt noch möglich war.

Der Moment des Abschieds war gekommen. Rin und Tomes standen in der Hauptmeile der Handelsstation im Sektor Ianamus Zura direkt vor dem Gang, den sie von dem Knotenpunkt der Dockingtunnel hergeführt hatte. Rin hatte ihre Tasche an einem Tragegurt umgehängt, die Katana darin verstaut. Sie strich sich einige Haare aus dem Gesicht und drehte sich zu Tomes um.
»Tja. Jetzt musst du wohl wieder auf dich selbst aufpassen. – Ich werde länger nicht in der Nähe sein. Lass uns aber wieder mal treffen, es war sehr lustig mit dir.«
»Amüsiert hast du dich wohl mehr als ich.«, antwortete Tomes, lächelte aber.
Rin schien empört.
»Ach komm schon! Weißt du, wie langweilig die anderen Söldner sind? Willst du mich vor Langeweile umkommen lassen?«
»Das kann ich wohl nicht verantworten...«
»Dann triff mich wieder mal!«
»Na gut. Aber ich werde fürs erste auch nicht verfügbar sein. Habe einen längeren Auftrag vor mir.«, gab Tomes schließlich nach.
»Gut!« Rin strahlte nun wieder und fügte dann noch ernst hinzu: »Hey Tomes. Stirb nicht, ja?«
»Ich werde mich bemühen.«, antwortete Tomes überrascht, »Du auch nicht.«
»Darauf kannst du dich verlassen!«, lachte Rin fröhlich, setzte dann aber einen nachdenklichen Blick auf.
»Ah, noch etwas.«, sagte sie dann und zog an Tomes’ Schulter, »Komm schon, bück dich etwas!«
Tomes leistete ihrer Anweisung folge und bückte sich etwas wodurch er etwa auf der Kopfhöhe von Rin war. Diese streckte sich kurz und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
»Danke. Fürs Taxi spielen und so...«, erklärte sie nach einigen Sezuras und ging dann davon, einen verblüfften Tomes hinter sich lassend. Nach einigen Längen drehte sie sich noch um und winkte ihm grinsend. Tomes winkte halbherzig zurück und schaute ihr noch nach, bis er sie zwischen den Massen nicht mehr sehen konnte.
Wie war er nur in so eine Situation geraten? Und wie hatte ihn eigentlich Rin dazu überreden können, ihr seine Kontaktinformationen zu verraten?